Mittwoch, 26. Juni 2013

... und Schiller und Schubart begegnen


Rebellen
(Schubart und Schiller auf der Festung Hohenasperg - 1782)

Nachdem der Wachsoldat die schwere Eisentür geöffnet hatte, erhob sich Schubart von seinem Lager und schlurfte leicht taumelnd zum Ausgang. Dann stand er auf dem Hof der Festung und blinzelte in das grelle Sonnenlicht. Die Kinder hatten bei seinem Anblick ihr ausgelassenes Spiel unterbrochen und beobachteten ihn aus einiger Entfernung. Kein Wunder, dass sie Angst vor ihm hatten, fühlte er sich doch selbst wie ein Ungeheuer, seitdem er hier gefangen gehalten wurde.
Er wankte über den Platz und blieb einen Moment lang im Schatten der alten Linde stehen, die Beine machten ihm zu schaffen. Es zog ihn um das Kasernengebäude herum auf den Wall. Dort würde er ungestört sein, hinter dem Turm mit dem Kerkerloch, seinem ersten Domizil hier auf dem Asperg, wo sie ihn weggesperrt hatten wie ein Stück Vieh im Käfig. Sechs Schritte hin, sechs Schritte zurück, Stunde um Stunde, dreihundertsiebenundsiebzig Tage und Nächte in Dunkelheit und modrig faulem Gestank. Gefangner Mann, ein armer Mann.
Doch immer noch war er nicht tief genug gefallen und musste dieses verpfuschte Leben weiter ertragen. Keuchend stieg er die Treppe hinauf auf das Plateau. Von hier aus ging der Blick auf grüne Weinfelder und idyllische Ortschaften. Freiheit, doch nicht für ihn. Er beugte sich über die Brüstung, tief hinunter ging es da. Könnte er sich doch einfach fallen lassen in diesen Abgrund, Erlösung für die Ewigkeit hätte er dann. Worauf wartete er? ‚Los, Schubart. Sei doch noch einmal mutig, ein allerletztes Mal’.
Nein, selbst dazu war er zu schwach. Helene und die Kinder kamen ihm in den Sinn. Irgendwo dort hinter dem Horizont warteten sie auf seine Freilassung, den fünften Sommer jetzt schon. Er konnte es sich immer noch nicht verzeihen, dass er trotz Helenes böser Vorahnungen leichtsinnig dem teuflischen Despoten in die Falle gegangen war. Wie hatte seine Frau ihn beschworen in der letzten gemeinsamen Nacht.
‚Ich weiß nicht, wie mir ist, Christian. Fahr nicht mit dem Amtmann nach Blaubeuren. Bleib in Ulm’.
Er setzte sich auf eine Mauer und wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen, Helene würde neben ihm sitzen und er könnte den Kopf an ihre Schulter legen. Hätte er nur dieses eine Mal auf sie gehört! Alles zu spät.
„Ich weiß nicht, wie mir ist, Helene“, schluchzte er und Tränen rieselten in seinen Bart.

Als er eine Weile so gesessen und vor sich hingebrütet hatte, hörte er Schritte. Ein großgewachsener Jüngling stapfte den Hügel hinauf und kam auf ihn zu. Seine Haare glänzten rötlichgolden im Sonnenschein. Schubart erkannte gleich das herzerfrischende Lächeln des Regimentsmedikus, Verfasser der Räuber, mittlerweile bekannt bin in den letzten Winkel.
„Schiller“, rief er. „Das ist eine Überraschung. Ist Er den langen Weg von Stuttgart hierher gewandert?“
Der junge Mann setzte sich neben ihn auf die Mauer und wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn.
„Da staunt Er, was? Von der Wache habe ich erfahren, dass Er sich am Belvedere aufhält, einen wirklich schönen Ausblick hat Er hier.“
„Aber keine Freude.“ Schubarts Stimme klang rau.
„Er sieht jetzt besser aus, als bei meinem Besuch im November. Nicht mehr gar so grau im Gesicht“, fuhr Schiller fort.
„Er will mir nur schmeicheln. Aber Er weiß ja nicht, wie einem Ausgestoßenen zu Mute ist. Ein kranker Mann bin ich. Zu schwach zum Leben, zu schwach zum Sterben. Und Er? Man hört einiges Gemunkel.“ Fragend schaute Schubart den jungen Dichter an.
„Er hat richtig gehört. Der Herzog hat mir verboten, künftig etwas ohne seine allerhöchsteigenhändige Zensur drucken zu lassen. Dass ich ohne Urlaub in Mannheim zur Aufführung der Räuber war, ist ihm verraten worden, die Weiber können’s Maul nicht halten.“
„Schreiben darf Er aber noch?“
„Er schreibt keine Komödien mehr, hat Serenissimus gedroht. Andernfalls lass ich Ihn auf die Festung setzen und Seinen Vater lass ich vom Brot bringen.“
„Und was will Er jetzt tun?“
„Nun, in der Pfalz habe ich dergleichen nicht zu fürchten.“
„Was will Er denn damit sagen?“
„Er muss nur verschwiegen sein.“
„Aber Schiller.“
„Nun, da ist meine Bekanntschaft mit Dalberg. Ich habe Aussicht, Theaterdichter in Mannheim zu werden.“
„Hofpoet. Dann könnte der fürstliche Landesvater Ihn ja entlehnen wie den italienischen Hofpoeten kürzlich, eine Menge Gulden hat er dafür gezahlt. Nur, dazu müsste Er nicht Schiller heißen, sondern Schilleri oder noch besser Schillerieri.“
„Und französisch parlieren, nicht etwa deutsch wie ‚deutlich’“, fiel Schiller ein. „Aber Scherz beiseite, mit dem Herzog ist nicht zu spaßen.“
„Selbst im Ausland ist Er vor nicht sicher vor Verfolgung. Schau Er mich an.“
„Ach, Schubart, ich schau Ihn ja schon die ganze Zeit an. Das Unrecht hier auf dem Asperg muss ein Ende haben. Seine Chronik, Er hat doch nur die Wahrheit gesagt. Ein Meister des Wortes ist Er und hier eingekerkert und mundtot gemacht. Alles gewagt hat Er. Sieh Er hier.“ Schiller zog ein gedrucktes Schriftstück aus der Hemdtasche. Dann rezitierte er weit ausholend mit großem Pathos in die liebliche Landschaft hinaus.
Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer …“
Die Fürstengruft“, winkte Schubart ab. „Nichts als Ärger hat’s gebracht. Alles gewagt, alles verloren.“
„Fürstentrümmer“, wiederholte Schiller mit Nachdruck. „Ich trage sie überall bei mir. Der Tyrann in seiner Gruft. Nicht nur Er hat diese Vision. Im ganzen Lande schätzt man seine Verse, nur die Obrigkeit nicht. Das menschliche Herz muss siegen.“
Das menschliche Herz. Eine Weile hingen beide Männer ihren Gedanken nach, bis der Gefangene unruhig wurde. Ein Wachsoldat war auf den Wall gekommen und schaute in die Ferne. Mit zitternden Händen zog Schubart eine silberne Taschenuhr aus der Rocktasche und hielt sie sich vor die Augen.
„Die Zeit ist um, lieber Freund, ich muss zurück hinter Schloss und Riegel.“
Schiller reichte dem Älteren die Hand und half ihm beim Abstieg auf den Festungswall. Langsam gingen sie im Schatten der hohen Mauern hinunter zum Tor.
„Ich hoffe, dass ich Ihn recht bald wiedersehe, Schubart. Aber in Freiheit. Wenn ich erst in Mannheim bin, sorge ich dafür, dass Er frei kommt.“ Das klang sehr zuversichtlich aus dem Munde des jungen Stürmers.
„Am besten schickt Er eine ganze Räuberbande auf den Asperg herauf.“ Schubart lachte bitter. „Nein, nein, Schiller. Sieh Er erst einmal selber zu, dass Er seine Haut rettet. Noch hat Er Träume.“
Lange hielten sie sich in den Armen, bis der junge Stürmer sich abwandte und mit festen Schritten die Festung verließ.


(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus Gedichten von Christian Friedrich Daniel Schubart: Kaplied, Der Gefangene, Frage, Die Fürstengruft)

Leseprobe "Rebellen" aus Wenn wir von Liebe reden


Dienstag, 11. Juni 2013

Time Travel Terminal



Achtundvierziger
(Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848)

Nebelschwaden waberten über den See und tauchten die kahlen Bäume der Uferpromenade in ein diffuses Novembergrau. Wir gingen den alten Leinpfad entlang, auf dem zu früheren Zeiten Pferde geführt wurden, um die Schiffe flussaufwärts zu ziehen. Der richtige Tag, um eine Reise in den Frühling zu machen. Mein Ziel war Frankfurt an einem Märztag zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Krönung der Recherchen für meinen Roman, in dem es um die Liebesgeschichte eines Abgeordneten der Nationalversammlung mit einem Mädchen aus dem Volke gehen sollte.  Würde ich sogar den einen oder anderen Protagonisten des Jahres 1848 treffen, vielleicht Robert Blum davor warnen nach Wien zu gehen oder Friedrich Hecker zu mehr Vorsicht raten?
Jannis begleitete mich auf dem Weg zum Check-in im Seaside Center. Er hatte mir diese Reise zum dreißigsten Geburtstag geschenkt. Hand in Hand stapften wir durch die raschelnden Blätter.
„Wer hätte gedacht, dass sich die Technik so rasant entwickeln würde?“, sinnierte er. „Hast du gar keine Angst, Maleen?“
„Bisher ist doch noch jeder in seine Zeit zurückgekehrt.“
„Ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass du diese Reise allein machst. Es waren unruhige Zeiten damals. Ein falsches Wort kann böse Folgen haben.“
„Mein ängstlicher Liebling. In jenen Märztagen war die Stimmung in Deutschland so entspannt wie danach lange nicht mehr. Sei unbesorgt. Im Übrigen bin ich keine Revolutionärin.“
„Sondern eine junge Frau aus dem Volke, ich weiß. Dennoch kann es ohne männliche Begleitung gefährlich werden. Sei nicht zu…ich meine…“
„Kokett? Wo denkst du hin?“
Wir erreichten das Time Travel Terminal im Seaside Center.
„Machs gut, Maleen. Ich warte hier im Café auf dich.“
„Wenn dir langweilig wird, kannst du in der Zeitkapsel unter geriatric32 nachlesen, wie meine Großmutter die Erfindung des World Wide Web erlebt hat, 1994 war das.“
„Mach ich, Liebes, schon allein, weil du in dem Jahre geboren bist.“
Janis drückte mich an seine Brust, langer Abschiedskuss, heftiges Herzklopfen.

„Ihr Time Train geht in fünfundvierzig Minuten“, sagte die Dame und gab mir einen silbern glänzenden Chip, ‚ttt’ stand darauf.
„Ich bringe Sie in die Zeitschleuse“, sagte sie und führte mich in einen Raum, der wie die Umzugskabine einer Sporthalle wirkte. „Passende Kleidung finden Sie auf dem Kleiderständer. Verschließen Sie Ihre Sachen einschließlich Geldbörse, Armbanduhr und Communicator in dieser Box.“ Sie wünschte mir noch eine gute Reise und ließ mich allein.
Nachdem ich mich ausgezogen hatte, streifte ich zunächst eine weiße Leinenunterhose und ein Unterhemd über, ein bisschen groß, aber ich würde mich daran gewöhnen. Den langen braunen Rock hielt ich mit einem Gürtel auf der Hüfte. Darüber zog ich eine hübsche beigefarbene Leinenbluse und drapierte mir ein großes hellblaues Tuch um die Schultern. Die Box verschloss ich mit dem Chip und verließ mit Knöpfstiefeln an den Füßen die Zeitschleuse durch die andere Tür.
In diesem Raum wartete ein Mann mit ‚ttt’ Plakette an der Brust auf mich. Er überprüfte mein Outfit und war sichtlich zufrieden. Dann gab er mir einen kleinen Lederbeutel mit Schnüren und eine wunderbare altertümliche Taschenuhr.
„Dieses Gerät zeigt nicht nur die Uhrzeit an, sondern es ist auch ihr Navigationssystem für die Reise“, erklärte er.
Als ich meinen Chip in den Schlitz an der Seite des Uhrgehäuses steckte, leuchtete das Display auf. Ich befestigte den Lederbeutel am Gürtel und ließ die Uhr hineingleiten.
„Sind Sie bereit?“
„Ja“, antwortete ich mutig.
Er führte mich durch einen schmalen Gang, der in einer schwach beleuchteten Kabine endete, gerade groß genug für den schwarzen Sitz mit hohen, steilen Lehnen. Wie ein Käfig sah das Ding aus. Ich setzte mich hinein.
„Achtung!“ Im gleichen Moment wurde ich so heftig eingezwängt, dass ich mich keinen Millimeter mehr bewegen konnte. Meine Arme, Schultern und Beine wurden mit ruckartigen Bewegungen von allen Seiten fixiert. Unerträglich eng war es. Ich fürchtete eingequetscht zu werden. Dann bekam ich auch noch etwas über den Kopf gestülpt, das sich anfühlte wie ein Motorradhelm und sich langsam so eng um meinen Schädel schloss, dass es ihn zu zerdrücken drohte. Panik machte sich breit, das Atmen fiel mir schwer. Ich konnte nur noch den Mund bewegen und die Augen rollen, was ich auch ständig machte. Wie sollte ich hier jemals wieder heraus kommen? Ehe ich noch weiter darüber nachdenken konnte, begann der Sitz zu vibrieren, erst sachte, dann immer heftiger. Die Vibration ging in eine Drehbewegung über, rasend schnell rotierte ich, begleitet von psychedelischem Flackern in unbeschreiblich schneller Folge. Als ich dann auch noch wie in einer rasanten Achterbahnfahrt steil hinauf und im freien Fall hinunter befördert wurde, bei gleichzeitig unglaublich schneller Rotation, immer wieder, endlos lange, wurde mir kotzübel.

Eine Hand streckte sich mir entgegen und half mir hinaus. Ich konnte kaum stehen.
„Alles okay?“ Die Stimme gehörte zu einem gut aussehenden Mann mit dunklen, halblangen Haaren und ttt-Anstecker.
„Geht schon.“
„Folgen Sie den Anweisungen auf dem Display, dann kann nichts schief gehen.“
Der Ausgang führte in ein Dickicht aus Sträuchern und Bäumen. Nach einer halben Stunde verließ ich den Waldpfad und stand auf einer Anhöhe.
Meine Augen gewöhnten sich langsam an die helle Morgensonne. Frühlingsgrüne Wiesen und blühende Bäume breiteten sich vor mir aus. In einiger Entfernung lagen links und rechts des Flusses die Häuser der Stadt Frankfurt. Die beiden Ufer des Mains waren verbunden durch die majestätische Steinbrücke mit der markanten Bogenreihe, wie ich sie von historischen Abbildungen kannte. Auf dem Fluss wimmelte es von Dampfschiffen, Segelbooten und Kähnen. Menschen pilgerten von Anlegestellen her hinauf in die Stadt, wo der mächtige Turm des Domes in den strahlend blauen Himmel ragte.
‚10:16’, stand auf dem Display und darunter: ‚Jetzt haben Sie sechs Stunden und 44 Minuten zu Ihrer freien Verfügung’.
Siebzehn Uhr musste ich also zurück sein. Nachdem ich die Taschenuhr im Lederbeutel verstaut hatte, ging ich in östlicher Richtung auf einem holprigen Pfad und erreichte die ersten prächtig geschmückten Häuser. Es war eng auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen und Gassen. Ich bewegte mich mitten im Strom der Menschen, wurde eingehakt, freundlich angelächelt und einfach mitgezogen. Die Stimmung war überwältigend. Freiheit lag in der Luft, Freude auf den Gesichtern.
Wir erreichten den Platz vor dem Römer. An den imposanten Gebäuden wehten schwarzrotgelbe Fahnen im Sonnenschein. Hier standen die Männer der Nationalgarde in ihren blauen, gold geschmückten Uniformen und die Jungen der Turnergarde ganz in Weiß mit breitkrempigen Hüten, bereit zum Spalier für den Zug der Abgeordneten.
Ich ließ mich mit treiben in Richtung Paulskirche, wo die klügsten Köpfe des Volkes für Demokratie und Pressefreiheit kämpfen würden. Vor einer Art Holzbühne versperrte mir eine Ansammlung von überwiegend jugendlichen Zuhörern den Weg. Ihre Augen hingen am Mund eines Redners, der mit seinen langen blonden Haaren und den ausdrucksvollen Augen nicht nur glänzend aussah, sondern mit einem Feuer sprach, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.
„Er sieht aus wie Christus“, sagte eine Frauenstimme hinter mir.
„Hecker ist der Beste. Hecker, Hecker“, rief einer und alle stimmten ein.
„Das Heckerlied …“, tönte es in der Menge und im Nu war ein gemeinschaftlicher Gesang im Gange.
Eine Mandoline ertönte dazu.
Bei der zweiten Strophe konnte ich den Refrain mitsingen:
„Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der deutschen Republik.“
Viele begannen wie wild zu tanzen. Eine junge Frau nahm meine Hände und ich wirbelte glücklich mit, immer rundherum. Lauter wurde der Gesang, schneller der Takt. Es war wie ein Sog, der mich unwiderstehlich mitriss. Wir bekamen nicht genug vom Singen und Tanzen.
Urplötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Mein Lederbeutel war verschwunden. Ich erstarrte, suchte hektisch mit den Augen den Boden ab, befühlte Rock und Gürtel. Nichts.
„Was hat dir denn den Tanz vergällt?“, fragte ein junger Bursche mit Federhut.
„Mein Lederbeutel…verschwunden und meine...“
Er half mir beim Suchen und ging sogar mit mir den mühsamen Weg gegen den Menschenstrom zurück zum Römerberg. Es war aussichtslos. Wie sollte ich in diesem Gewirr von Beinen und Füßen mein Navigationsgerät finden? Die ganze Zeit redete der Federhütler auf mich ein, doch ich reagierte gar nicht mehr und irrte weiter durch die Menge.
Was sollte ich nur tun?
Wie von fremder Hand gezogen, ging ich den Weg aus der Stadt hinaus. Dabei suchte ich unentwegt den Boden ab. Das verdammte Ding blieb verschwunden. 
Die Sonne stand schon im Westen, als ich die Anhöhe hinaufging. Der Wald schien undurchdringlich. Ohne Orientierungshilfe würde ich niemals den Weg zurückfinden. Und kein Mensch weit und breit konnte mir helfen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und weinte.

Jemand klopfte mir ungeduldig auf die Schulter. „Hallo“, klang es hektisch an mein Ohr. Ich schaute hoch. Es war der hübsche Dunkelhaarige vom Timetrain, bekleidet mit brauner Hose und Leinenhemd.
„Hier, nehmen Sie.“ Er drückte mir meinen verlorenen Schatz in die Hand. „Kommen Sie schnell. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es.“
Wir hetzten los und atemlos erzählte er, wie ein Alarmsignal bei ihm angekommen und er in die Stadt gerannt wäre. Sein Navigationsgerät hätte ihn zu einem Burschen mit Federhut und meiner Taschenuhr in der Hand geführt. Plötzlich hätte das Ding so heftig vibriert, dass er es auf den Boden geschmissen und mit schreckgeweiteten Augen angestarrt hätte. Danach wäre der Bursche weggerannt.

„Und du konntest nicht verhindern, dass der böse Friedrich drei Wochen später in die Fänge seiner Verfolger geriet?“, fragte Jannis, nachdem ich ihm von meiner wunderbaren Rettung erzählt hatte.
„Hecker meinst du. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Ohne Chip war ich nur noch verzweifelt“, musste ich beschämt zugeben.
„Man kann dich wohl doch nicht alleine so eine Reise machen lassen, Maleen“, meinte er. „Wenn du deinen Achtundvierziger Roman im Netz hast, reisen wir gemeinsam in die Neunundachtziger: ‚Wir sind das Volk’.“

(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus dem „Heckerlied“, überliefert aus dem Jahre 1847.)


Eine von 33 Stories aus Wenn wir von Liebe reden