Samstag, 14. September 2013

Werft sie in den Turm


Nach einem Winter mit Schnee und Frost bis in den Mai wehte endlich milde Frühlingsluft durch die offene Tür herein. Die Familie saß um den Holztisch herum, in der Mitte eine Schüssel Getreidebrei. Lautes Geplapper und helles Kinderlachen. Jeder schob mit dem Löffel seinen Anteil zu sich heran, der Vater den größten. Die Kleinen beeilten sich, damit sie auch genug bekamen. Peter saß auf Margreths Schoß. Er lutschte an einem Stück Brot und bekam von der Mutter ab und zu einen Löffel in den Mund geschoben. Gänse liefen herum, versuchten herunterfallende Brocken zu erhaschen.
Plötzlich sprang Margreth auf und setzte das Kind ihrer Ältesten auf den Schoß. Der Kleine begann jämmerlich zu weinen und streckte die Ärmchen nach ihr aus.
„Was ist los mit dir, Frau?“, fragte Bauer Feldmann.
„Schau doch da.“
Zwei Männer kamen durch das Feld auf das Haus zu. Margreth rannte zur Leiter, stieg hinauf und versteckte sich im Heu. Dazu hatte sie allen Grund, wurde sie doch von den Leuten im Dorf argwöhnisch beobachtet, seitdem Anna Faust in der peinlichen Befragung ausgesagt hatte, sie sei zusammen mit ihr beim Hexentanz gewesen.
Bauer ging zur Tür und wurde sofort heftig zur Seite geschubst.  Der Dorfbüttel war das. Der hastete an ihm vorbei und kletterte auf den Heuboden, wusste er doch, wo er zu suchen hatte.
„Wir haben Anweisung, deine Frau zum Schloss zu bringen“, sagte der Wirt, der nun auch hereingekommen war. „Das Hofgericht erwartet sie.“
„Aber …“
„Kein Aber, Mann. Sie ist der Zauberei verdächtig. Anweisung ist Anweisung.“
Peter schrie laut auf, als die Mutter nach draußen gestoßen wurde. Die hörte ihn noch lange weinen, als sie sich vom Haus entfernte. Auch ihr liefen die Tränen über das Gesicht. Zwischen den zwei Bewachern torkelte sie den weiten Weg über die Felder, durch das Stadttor und dann direkt zum Schloss.

Der Büttel schob sie in einen großen dunklen Raum mit braunen Butzenscheiben. Beim Hofmeister erstattete er Bericht. Der saß inmitten der vier Männer des Hofgerichts am Tisch auf einem Podest. Mit starren Mienen blickten sie herab auf die zitternde Frau.
„Margreth, Hans Feldmanns Frau, geboren vor dreiunddreißig Jahren. Warum hast du dich auf dem Heuboden versteckt, als der Dorfbüttel und der Wirt dich holen wollten?“,  begann der Hofmeister das Verhör.
„Wollte Futter für das Vieh holen.“
„Red keinen Unsinn. Was ist mit den Kühen des Schultheißen, von denen jedes Mal eine verendet ist, wenn du ihm zwischen das Vieh gelaufen bist?“
„Weiß nicht.“
„Und mit dem Pferd vom Brückenschmied, das rasend geworden und über die Stalltür gesprungen ist, weil du es verzaubert hast?“
„Kann nicht zaubern.“
„Dann willst du wohl auch abstreiten, dass du deiner Tochter Magdalene das Zaubern beigebracht hast?“
„Sag doch, ich kann nicht zaubern.“
„Warum hast du dann im Feld zu ihr gesagt, wenn du gewusst hättest, wie man mit den Zauberischen umgeht, würde sie das Zaubern nie von dir gelernt haben?“
„Hab ich nicht.“
„Der Sauhirt hat’s gehört.“
„Der Sauhirt ist ein Lügner“, sagte Margret.
„Überleg dir gut, was du sagst. Wie erklärst du dir, dass die Anna Faust behauptet, ihr wärt zusammen beim Hexentanz gewesen?“
„War nie beim Hexentanz.“
„Beantworte meine Frage.“
„Hat einen Zorn auf mich gehabt.“
„Und warum hat diese Hexe bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen behauptet, du seiest dabei gewesen beim Tanz mit dem Satan?“
„Weiß nicht warum.“
„Dir soll schon noch was einfallen“, schimpfte der Mann und winkte den Büttel herbei. „Werft sie in den Turm.“

*

Im Pfarrhaus hatte die Winterkälte die Mauern noch nicht ganz verlassen. Dorothea hatte die Dienstmagd angewiesen, den Kachelofen anzuheizen. Er verbreitete eine wohlige Wärme in Stube und Arbeitszimmer. Johannes wollte seine Predigt für den nächsten Sonntag vorbereiten. Er saß an seinem Schreibtisch aus dunklem Holz und schaute hinaus auf den Marktplatz. Rechts die Kirche, gegenüber das Schloss.
Zwei Jahre war es jetzt schon her, seit der Graf ihn in die Stadt geholt hatte, um den Menschen die reformierte Lehre zu predigen. Jedoch hatte er sich die Arbeit als Pfarrer an diesem Ort nicht so schwierig vorgestellt. Was sollte er den Menschen predigen, da sie gerade mit Mühe und Not den langen Winter überstanden hatten? Nach einem kalten verregneten Sommer mit nachfolgenden Missernten hatten sie nicht genug zu essen und große Mühe, Futter für die Tiere aufzutreiben. So machte ihnen auch das Viehsterben zu schaffen. Und auf die neue Ernte mussten sie nun erst einmal lange warten. Wo war der barmherzige Gott, fragten sie sich. Konnte er das den Menschen verdenken? Sie litten bitterste Not.
An diesem Tage fiel es Pfarrer Johannes besonders schwer, seine Gedanken für die Predigt zu ordnen. Seitdem sie Margreth Feldmann wegen Hexerei in den Turm gebracht hatten, schlief er kaum eine Nacht. Sie schreckten doch vor nichts zurück. Bilder aus seiner Kindheit ließen ihn nicht los. Dichtes Gedränge auf dem Marktplatz. Eine junge Frau mit zerzausten Haaren, festgebunden auf einem Karren. Das Gegröle der Leute. ‚Hexe mit ihrer Teufelsbrut’ und ‚Brennen muss sie’. Als der Karren ganz nah an ihm vorbei holperte, sah er, dass sie schwanger war. Mit unermesslicher Trauer im Gesicht blickte die Frau ihn an.
Nun war er ein erwachsener Mann und noch immer waren diese schrecklichen Geschehnisse weit verbreitet. Gerade vor einigen Tagen hatte man Anna Faust mit großem Spektakel auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wie kam es nur, dass die Menschen einander derartige Grausamkeiten zufügten? Nirgendwo in der Bibel stand, dass sie das tun sollten. Und in diesem Buch kannte er sich bestens aus. Es lag vor ihm, die wichtige Stelle für die Sonntagspredigt bereits aufgeschlagen: Tut Ehre jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott und ehret den König.
Hört nicht auf Verleumdungen und Lügen, würde er den Menschen predigen. Manche wollen ihren Mitmenschen schaden mit üblem Gerede und falschen Anschuldigungen. Verurteilt niemanden zu Unrecht. Du sollst kein falsches Zeugnis geben, spricht der Herr. Glaubt nicht alles, was die anderen über jemanden erzählen. Guckt euren Nächsten an und ihr werdet sehen, er ist wie ihr. Die Wahrheit findet ihr in seinem Gesicht und nicht in den bösen Worten mancher Lügner. Die haben nichts anderes im Sinn, als den Sonnenschein zu verdunkeln. Sie sollen daran denken, dass sie dabei auch sich selbst das Licht wegnehmen.
„Du solltest eine Pause machen, Johannes.“ Dorothea stand in der Tür.
„Ist es schon so weit, Frau?“
„Zeit zum Abendessen. Ich kann jetzt auch eine Mahlzeit gut vertragen, hab ich doch zusammen mit Agnes den ganzen Nachmittag im Pfarrgarten die Erde gelockert.“
„Ja, das schöne Frühlingswetter, jetzt muss man den Boden vorbereiten. Pass nur auf, dass du dich nicht übernimmst.“
„Morgen werden wir mit der Aussaat beginnen. Dann komm jetzt herüber, Johannes.“

*

Der Mond schien in die Kammer. Dorothea saß im Bett und schaute zu ihrem Mann. Sie war aufgewacht, weil der sich unruhig hin- und herwälzte.
„Kannst du nicht schlafen?“
„Ich denke die ganze Zeit an die Frau von Bauer Feldmann. Vor einigen Tagen haben sie sie in den Turm gebracht.“

„Eine Zauberische, sagen sie auf dem Marktplatz. Das Vieh vom Brückenschmied und vom Schulzheißen hat sie tot gezaubert.“

[...]


Montag, 9. September 2013

Ruhe gibt es nicht



Wieder so ein Horrorszenario im Fernsehen. Sie mag gar nicht mehr hinschauen, doch unerbittlich dringen die Bilder mit den Nachrichten in ihr Wohnzimmer. Dort, wo Straßen waren, liegen leblose Körper im Schutt. Einer wird in einem verschmutzen Tuch zum Ambulanzwagen gebracht. Helfer im Laufschritt. Zwischen den Trümmern ein weinendes Kind. Viele sind noch verschüttet. Das hat sie doch alles selbst erlebt. Wann gibt es endlich Ruhe? Immer wieder diese Panik. Sirenengeheul, zum Bunker hetzen, das Brummen der Bombenflieger, ja noch hineinkommen, bevor die Eisentür verschlossen ist. Donnern, wieder Donnern, noch einmal und noch einmal. Der Bunker bebt, schwankt entsetzlich. Alle schreien. Wo ist Jupp? Totenstille in der Stadt. Jupp unter den Trümmern. Nein, nein, das will sie nicht. Das braucht sie nicht. Zitternd greift sie neben sich nach der Fernbedienung. Auf dem anderen Kanal sieht es nicht besser aus. Sie haben nur noch das, was sie am Körper tragen. Eine Frau kauert auf einem Trümmerfeld, wo vorher ein Haus stand. Uralte Frau. Nie mehr findet sie einen Weg, hat nicht einmal mehr Kraft für Tränen. Was heißt Interessen der Konfliktparteien, Herr Professor? Die finden doch immer Gründe. Woher haben sie die Waffen? Nein, nein, nein, das hört nie auf.
Sie schaltet den Fernseher aus, sitzt schweigend im Sofa und starrt auf den dunklen Bildschirm. Wieder so ein schrecklicher Tag. Das geht nie vorbei. Sie will nur noch Ruhe.
Das Telefon.
Nicht jetzt.
Jetzt nicht, Verena. Ich kann nicht telefonieren, das musst du einsehen. Heute nicht. Ich weiß, du wolltest nach dem Abendessen anrufen, das hattest du versprochen, es war auch so vereinbart. Vorher hast du es nicht geschafft, musstest lange arbeiten heute. Aber ich kann nicht. Ja, ja, extra große Buchstaben und Zahlen auf den Tasten, ich weiß. Alles wunderbar zu erkennen. So einfach jetzt. Das hast du richtig fein gemacht, sag ich doch. Eine wahre Perle bist du, kümmerst dich um alles. Du meinst es so gut, keine Frage. Aber es geht wirklich nicht.
Nicht jetzt.
Nicht heute.
Ob alles in Ordnung ist? Sicher, es geht mir gut. Sehr gut sogar. Glaube mir. Wunderbar geht’s mir. Gegessen? Was für eine Frage. Klar hab ich gegessen. Ein paar Zwiebäcke. Zum Kochen hatte ich gar keine Zeit heute. Morgen wieder. Ganz gewiss mach ich das morgen. Keine Panik. Ich weiß doch selbst, dass ich essen muss. Wenn ich leben will, muss ich essen. Getrunken hab ich auch, obwohl ich eigentlich gar keinen Durst habe. Den Rest von dem roten Saft, den du mitgebracht hast, ich weiß nicht mehr wann. Nein, du musst nicht vorbeikommen. Heute nicht. Auf keinen Fall heute. Mach dir keine Sorgen. Es ist alles hier, was ich brauche. Die Medikamente kannst du mir beim nächsten Mal mitbringen, für heute reichen sie auf jeden Fall, beste Verena. Wenn ich dich nicht hätte! Wäsche? Ja, ja, Nachthemd und Schlüpfer hab ich gewaschen, wie du gesagt hast, die Sachen liegen noch in der Badewanne. Ja, das Bücken. Nein, ich schaffe das schon allein. Morgen komme ich dazu, auswringen und auf den Wäscheständer hängen. Ich muss mich ja nicht beeilen. Zeit habe ich doch genug, den ganzen langen Tag. So viel Zeit. Ich passe schon auf, dass ich nicht wieder stürze. Seniorennotruf, höre ich dich wieder sagen. So ein technisches Ding um den Hals? Ich glaub’s dir wohl. Du kannst es aber auch nicht lassen. Immer wieder fängst du davon an. So weit bin noch nicht, noch lange nicht. Ich schaffe das noch gut alleine. Sogar sehr gut, das siehst du doch selbst.
Lege den Hörer auf, Verena, heute wird das nichts mit uns am Telefon.
Soziale Kontakte? Ha, dein Lieblingsthema! Soziale Kontakte! Die Formulierung liebst du wohl über alles. Denk doch mal nach! Ist denn noch einer da von der Kegelrunde und vom Canasta? Keiner mehr. Auch in der Straße. Keiner mehr da. Das weißt du ganz genau und fragst trotzdem immer wieder. Immer wieder dieses Thema. Wo sind sie denn, die sozialen Kontakte? Alle weg. Das hast du wohl ganz vergessen. Oder du willst es nicht wahrhaben. In anderen Dingen bist du doch so helle, aber an dem Punkt bist du begriffsstutzig. Schon mal die Totenglocke gehört? Heute wieder, ich wohne ja nahe genug am Friedhof. Sensenmann hat sie alle mitgenommen. Wer weiß, wohin. Wie oft muss ich dir noch erklären, was das bedeutet? Es bedeutet, ich habe nur noch dich, Verena. Nur dich und sonst niemanden. Wir telefonieren doch jeden Tag und du kommst vorbei, wenn ich das möchte. Das reicht mir völlig. Ich habe keine Langeweile. Der Fernseher ist da doch noch. Na gut, heute gibt’s kein gescheites Programm. Das kommt schon mal vor. Am Samstag gab’s meine zwei Freunde, so schnuckelig in ihren weißen Anzügen, hab ich dir doch erzählt. Das ist Musik für’s Herz. Ja, die CD war ein schönes Geschenk, aber noch besser ist es, wenn ich diese Amigos auch sehe. Meine Freunde. Wie sie mich anlächeln, als würden sie extra für mich singen, vor allem Karl-Heinz mit der Gitarre. Demnächst bin ich wieder dabei und klatsche mit. Heute nicht. Gib’s auf, Verena. Nein, nein und nochmals nein!  Leg den Hörer auf. Zum Telefon kann ich jetzt nicht gehen. Wirklich nicht. Heute brauche ich mal Ruhe. Das musst du einsehen. Nichts als Ruhe. Endlich Ruhe. Das verstehst du doch. Ich weiß, dass du das verstehst.
Das Telefon ist still. Tante Käthe ist auf dem Klo, wird Verena denken. Später wird sie es noch einmal versuchen. Das kann eine Weile dauern, Verena ist hartnäckig. Doch Käthe wird auch später nicht telefonieren. Heute will sie nur noch ins Bett.
Sie versucht auf die Beine zu kommen, sackt aber immer wieder zurück in ihre Sofasitzkuhle, müsste dringend höher sitzen, damit sie von ihrem Fernsehplatz besser aufstehen kann. Ein Kissen auf dem Sofa wäre gut, so eins von diesen Keilkissen. Verena hat das schon vor Wochen vorgeschlagen, gestern erst wieder am Telefon. Sie hat sogar schon eins besorgt und wollte es eigentlich heute vorbeibringen, zusammen mit dem Toilettensitz, damit auch da das Hochkommen einfacher wird. Doch heute geht das auf gar keinen Fall. In ein paar Tagen vielleicht. Irgendwann einmal. Nicht heute. So wichtig ist das nicht.
Immer dieses Zittern.
Gestützt auf den Stock schleppt sie sich in die Küche. Die Beine machen nicht mehr mit, sie gehorchen einfach nicht. Ihre Nervchen, hat der Doktor gesagt. Was ist nur mit ihren Nervchen? Beruhigung braucht sie, ihre Pillen, damit endlich dieses Zittern aufhört.
Am Spülbecken füllt sie das Wasserglas. Dann einige Schritte zum Schrank. Die kleinen weißen Dinger. Wenn sie die nicht hätte. Ein paar Tage reichen sie noch. Dann bringt Verena neue aus der Apotheke. Liebste Verena. Was würde sie nur tun ohne ihre Nichte? Schrecklich wäre das. Überhaupt kein Leben. Für dieses Goldstück kann sie ihrer Schwester noch immer dankbar sein. Kein Wunder, dass sie immer so stolz war auf dieses Kind, allen Grund hatte sie dazu. Ein wunderbares Kind. Auch ihr Kind. Das Kind von Grete und Käthe. Zwei Frauen, ein Kind und keine Männer. Jupp unter Trümmern, Rudi nie mehr wieder gekommen. Irgendwo verscharrt, in Merefa. Heldentod im Süden der Ostfront. Ein Pfundskerl war Rudi. Verena ist ihm so ähnlich. Der verflixte Plastikrand. Warum steckt der Deckel immer so fest? Die Dinger rappeln im Glas und sie kommt nicht ran. Gottlob noch so viele darin.
Dieses verdammte Zittern.
Nicht nervös werden. Mit den Fingernägeln geht’s vielleicht. Warum hat sie den Verschluss nur so fest hineingedrückt gestern? Sie braucht doch diese verdammten Dinger, muss es schaffen. Unbedingt. Dabei auch noch den lästigen Stock festhalten, damit er nicht umkippt, auf die Fliesen fällt und sie dann stolpert, wenn sie ihn aufheben will, alles versucht, das aber trotzdem nicht schafft, vielleicht sogar das Übergewicht kriegt und dann wieder auf dem Küchenboden liegt, hilflos wie ein Käfer auf dem Rücken, so lange, bis ihr nach vielen Stunden jemand helfen kann. Vielleicht.
Nein, das darf nicht passieren. Wie sie dieses lange Ding hasst! Sie lehnt vorsichtig den Knauf gegen eine Schrankschublade, an eine Stelle, wo sie ein wenig offen steht, das gibt Halt, will das sperrige Teil mit den Beinen fixieren. Kaum möglich mit ihren Zitterknien. Was für ein Elend mit den Beinen. 
Wie soll das nur noch weiter gehen?
Demnächst sollte sie doch den Gehwagen benutzen. Sie wollte ihn eigentlich gar nicht in der Wohnung haben. Verena hat ihn trotzdem mitgebracht. Geschimpft hat sie mit ihrer Nichte, doch die war hartnäckig, hat ihn nicht wieder mitgenommen, sondern in die dunkle Ecke im Flur gestellt. So hartnäckig. Jetzt wäre er eine richtige Hilfe. Sie müsste ihn nicht die ganze Zeit festhalten wie den kippeligen Miststock oder mühsam irgendwo anlehnen, würde einfach die Bremse feststellen, damit er nicht wegrollt, könnte sogar im Korb etwas ablegen und sich jetzt kurz auf den schwarzen Steg setzen und alles in Ruhe machen. Und sie könnte endlich mal wieder eine Runde mit Verena spazieren gehen ohne Angst hinzufallen. Sorry, Verena, du hast recht gehabt. Vielleicht sollte ich über deine Idee mit dem Seniorennotruf auch mal nachdenken. Verzeih mir, du liebes hartnäckiges Kind. Es dauert manchmal sehr lange, bis ich etwas einsehe. Halsstarrig war ich schon immer, das hat deine Mutter auch immer geärgert. Es ist noch schlimmer geworden mit mir. Da bist du doch richtig geduldig. Dabei bist du auch nicht mehr die Jüngste. Ich sollte doch langsam vernünftiger werden. Sie ruckelt und zerrt am Verschlussdeckel, so kräftig, dass sie Angst hat, der wertvolle Schatz würde auf den Boden fallen. Ja nicht! Die Katastrophe wäre das. Der Deckel gibt nach. Endlich! Alles gut gegangen. Nur die Ruhe. Sie schüttet sich ein paar von den weißen Pillen in die zittrige Hand. Heute nimmt sie mal wieder zwei oder drei, oder auch mehr. Wunderbar!

Leseprobe aus:
Wenn wir von Liebe reden (Kindle)



Sonntag, 18. August 2013

Mister Fitch

[...]
Ich tastete vorsichtig entlang des Tellers über Messer. Gabel und Serviette, wie der gute Geist es mir geraten hatte, fand das Suppentöpfchen mittig hinter dem Teller, fasste die beiden Henkel, führte es ohne zu Kleckern an den Mund und schlürfte genüsslich. Wunderbar. Hier sah mich ja niemand. Dann stellte ich es vorsichtig an seinen Platz zurück, damit der Geist der Finsternis es nachher abräumen konnte. Jetzt krabbelten meine Finger zum Weinglas hinter dem Teller rechts. Ich einen Schluck aus dem Glas und spürte Wärme sich wohlig in meinem Körper ausbreiten. Ein viel versprechendes Menü hatte ich an der Rezeption bestellt, die weiteren Speisen würde man mir hoffentlich nicht zu schnell hintereinander servieren. Nach einem anstrengenden Arbeitstag hatte ich dieses Nurfürmichsein mehr als verdient. Der Trubel in den Messehallen, die vielen Gesichter, Gespräche, das ständige Lächeln, das sich im Laufe des Tages in meinem Gesicht festgesetzt hatte, als könnte es niemals enden. Ich schob die Mundwinkel nach unten, dann in die Breite, zog den Mund quer zu einem breiten Grinsen, klimperte mit den Augen und bewegte die Brauen hoch und runter. Dieses Grimassenspiel machte ich eine ganze Weile. Wie gut das tat. Einfach nicht mehr funktionieren.
Der zweite Gang wurde hinter den Teller gestellt. Das Tasten danach war schon fast ein bisschen Routine. Zucchini, Gurken, Paprika und Karotten, mundgerecht in Streifen. Das Besteck ließ ich beiseite, griff zu und steckte die vitaminreichen knackigen Sticks nacheinander in den Mund.
Doch in dem Moment war es auch schon vorbei mit der Entspannung.
„Vergiss nicht den Dipp!“, ermahnte ein Gegenüber am Tisch.
War das nicht wie verhext? Einfach so tun, als hätte ich nichts gehört. Warum sollte denn ausgerechnet ich gemeint sein? Saßen doch genug Leute um mich herum und quatschten nach Herzenslust, viel lauter als in jedem anderen Restaurant. Doch der Typ war hartnäckig.
„Mit Avocado“, meinte er.
„Ja, ja, ja! Bereits bemerkt.“
„Ausschließlich natürliche Zutaten, Knoblauch ist auch drin.“
Hätte ich auch ohne seinen Hinweis gerochen. Apropos riechen. Mein Gegenüber roch verdammt gut, ganz eindeutig Fierce, war wohl auch Shoppen auf der Fifth.
„Schmeckt doch gleich besser mit Dipp, das musst du zugeben. Was bist du für eine?“
„Viel unterwegs“, antwortete ich. „Heute mal in Köln. Touristikmesse. Vielen Leuten vieles erzählt. Den ganzen Tag über gelächelt. Alles gegeben. Ausgepowert. Nur noch Ruhe ist angesagt.“
„Da bist du hier richtig", meinte der Schlaumeier. "Hier kannst du dich mal hängen lassen."'
Die Seele baumeln lassen, meinte er wohl. Ich ließ den Kopf baumeln. Doch Mister Fitch kannte keine Gnade. 
[...]

Hatte er mich schon berührt? Warum musste er auch einen so verdammt guten Duft verströmen? New York. Abercrombie & Fitch. Shoppingerlebnis der besonderen Art. Schlange stehen auf der Fifth, endlich herangewunken werden, vorbeihetzen an zwei durchgestylten Hereinlassern und dem gut gebauten Jüngling mit nacktem Oberkörper im Eingang, hinein in die abgedunkelten, discobeatbeschallten, parfumduftenden Gänge, die sich über drei durch schwach beleuchtete Treppen erreichbare nicht allzu große Ebenen erstrecken und sich im Gedränge zwischen Tischen und Warenregalen hindurchschieben, bis man wieder in der Schlange steht, diesmal an der Kasse, um mit der schönsten Papiertragetasche der Welt, aus der Polos, Kapuzenpullis, Hemden und T-Shirts duften wie Mister Fitch, hinauszugehen auf die Fifth Avenue, wo sie noch immer Schlange stehen, um hineinzukommen in dieses Shoppingparadies.
Die Wörter flogen über dem Tisch hin und her. Jimi Hendrix.
Janis Joplin. Cat Stevens. Whitney Houston, Robbie Williams, Silbermond und Jan Delay. Udo Lindenberg beim Echo. Luxuslärm in der Batschkapp. Auftritt in Berlin. Muss ich demnächst wieder hin. Volles Haus. 
[...]

Leseprobe "Mister Fitch" aus 

Wenn wir von Liebe reden (Kindle eBook)
Wenn wir von Liebe reden (Taschenbuch)

Montag, 12. August 2013

Am Strand



Graue Wolken zogen schnell, verdeckten den Mond und gaben ihn wieder frei. Er hielt es drinnen nicht mehr aus, ging hinaus an den Strand und lief am Wasser entlang. Das aufgewühlte Meer konnte das Brodeln in seinem Innern nicht übertönen.
Diese falsche Schlange. Alles hatte sie kaputt gemacht. Sein Leben zerstört. Weggeschmissen wie einen alten Fußabtreter. Ausgetauscht.
Ein Mann mit Hund kam ihm in der Dunkelheit entgegen. 
Feinde, überall Feinde!
Kalt war es hier. Woher kam die Kälte?
Blonde Haare vor ihm. Weiße Turnschuhe. Eine Joggerin. Sie bemerkte ihn nicht. Er lief hinter ihr her.
Ich krieg dich, du verdammtes Miststück. Jürgen heißt der also. Nimmt der dir nicht die Luft zum Atmen, du Schlampe? Wie macht er das? Kann er dich besser ficken, du Nutte? So ist das also. Und was war auf Sylt? Als ich die Kinder nicht sehen durfte? Meinen Urlaub verschieben musste? Da war Jürgen doch auch dabei. Familie Sonnenschein auf Sylt, schöne Idylle. Und dieses Spielchen soll ich finanzieren, mit meinem Geld? Die Tour werde ich euch vermiesen. Gründlich! Er holte die Frau ein, machte einen Sprung und packte zu. Sie fielen in den Sand. Robert umklammerte sie. Doch sie war stark, drehte sich um und riss an seinen Haaren. Er packte ihre Arme und presste ihren Körper in den nassen Sand. Eine Welle zog ihn mit der Frau ins Wasser. Sie drückte ihn von sich. Er versuchte sie festzuhalten und ihr Gesicht unter Wasser zu tauchen. Sie schlug nach ihm, trat ihm kräftig zwischen die Beine und konnte sich losreißen. Den Schmerz spürte er kaum. Er kämpfte sich aus der Brandung auf den Sand und lief hinter ihr her. Doch sie war schon zu weit weg. In das Tosen hinein brüllte er ihr nach. „Lauf nur weiter mit deinen lächerlich weißen Turnschuhen, du mieses Stück. Das nützt dir gar nichts. Ich krieg dich doch.“

Leseprobe aus Wenn wir von Liebe reden


Sonntag, 11. August 2013

Auf der 666





Wir befanden uns auf einem wahnsinnig schmalen Pfad entlang einer Felswand, als Lisa sich plötzlich umdrehte, kreidebleich, nach meiner Hand griff und versuchte, sich an mir festzuhalten. „Hilf mir, Martin, ich kann nicht weiter.“
„Bleib ganz ruhig, bitte. Kopf hoch und geradeaus schauen.“
Saugefährlich war die Situation. Da stand ich nun mit Lisas zitternder Hand in meiner und hatte plötzlich selbst Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Links ging es fast senkrecht hinunter und rechts gab auch keinen Halt. Ich machte das, was ich ihr geraten hatte, schaute nach vorne.
„Pass auf, Lisa. Wenn ich jetzt deine Hand loslasse, gehst du ganz vorsichtig einen Schritt, okay?“
„Kann ich doch nicht.“
„Kannst du, mach nun.“
„Hilfe“, schluchzte sie und fing richtig an zu heulen.
„Jetzt reicht’s“, brüllte ich. „Sollen wir beide in den Abgrund stürzen? Geh! Sofort!“
Ich atmete auf, als sie meine Hand losließ und ein Schrittchen wagte.
Was war nur mit ihr los? Niemals hätte ich mit derartigen Schwierigkeiten gerechnet, als ich diese Tour mit ihr plante. Beim Skifahren war ihr kein Berg zu hoch und kein Hang zu steil. Was war denn im Sommer anders?
Gottlob war diese Felsumrundung irgendwann zu Ende und Lisa bekam ihre Panik in den Griff. Wir mussten noch einen Gebirgsbach überqueren, indem wir von Stein zu Stein sprangen, und ein ziemlich ausgedehntes Geröllfeld mit einigermaßen erträglichem Gefälle. Immerhin kamen wir mit heilen Knochen oben am See an, unserem Übernachtungsziel. Die Hochalm hatten wir ganz für uns alleine. Schweigend lagen wir im Gras zu Füßen des Felsmassivs, das wir in zwei Tagen umwandern wollten. Zunächst stand die Sonne noch über den beiden Gipfelzacken. Doch als sie plötzlich hinter dem Berg verschwand, lag unser schönes Plätzchen im Schatten. Es wurde sofort kühl und wir bauten unser kleines Zelt auf. Lisa hatte sich nach dem Aufstieg erstaunlich schnell erholt und half mir.
„Mach es dir schon mal drinnen bequem. Ich hole Wasser und dann gibt es Tee“, sagte ich, nahm meine Feldflasche und ging los. Nach Informationen im Wanderführer sprudelte aus den Felsen eine Quelle in den See. Es war ein Stückchen zu laufen, doch ich fand keine Wasserstelle, auch nicht, als ich über Gesteinsbrocken ein Stück nach oben kletterte. Ich horchte.  Da war auch kein Plätschern zu hören. Einige Meter über mir begann schon der Gletscher und ich entdeckte den Eingang zu einer Höhle. Ein weißes Gebilde hing von der Decke herunter, vielleicht ein Eiszapfen, doch konnte ich das aus der Entfernung nicht genau erkennen. Jedenfalls war das wohl eine der Eishöhlen, von denen der Mann in der Dorfkneipe erzählt hatte, in der wir den Abend vorher verbracht hatten. Eine wahre Horrorstory übrigens. Die Quelle fand ich jedenfalls nicht, hörte auch kein Plätschergeräusch. Seltsam war das schon, denn eigentlich müsste die in der Nähe sein.  Doch was sprach dagegen, wenn ich glasklares Wasser aus dem See schöpfte?
Mit gefüllter Feldflasche ging ich zurück zum Zelt, blieb davor stehen und schaute mich noch einmal um. Die Felsspitze war jetzt in Dunst eingehüllt, der Mond als milchiger Fleck zu erahnen. Es begann leicht zu schneien. Ja, in diesen Höhen war wettermäßig alles möglich. In kürzester Zeit legte sich ein weißer Schleier auf Zelt und Umgebung.
„Bist du es, Martin?“
„Ja.“
„Hast du die Quelle gefunden?“
„Ja, ja. Sie war weiter entfernt, als ich dachte.“
Ich musste ihr ja nicht alles erzählen, nach Diskussionen war mir nämlich nicht der Sinn. Das Wasser erhitzte ich draußen auf unserem kleinen Campingkocher. Das dauerte ein wenig.
„Versuch schon mal zwei Teebeutel in der Vortasche meines Rucksacks zu finden und ein paar Zuckerstücke“, forderte ich meine Begleiterin auf.
Dann balancierte ich den Topf mit dem kochenden Wasser durch die enge Öffnung und kroch vorsichtig hinein. Schön warm war es da. Wir füllten unsere Becher. Dann saßen wir nebeneinander im Zelt, wärmten uns die Hände, schlürften den süßen Tee und sahen durch den Zelteingang dicke Schneeflocken in den See schweben. Richtig schön sah das aus.
„Wenn ich mir überlege, es könnte stimmen, was der Mann unten in der Kneipe erzählt hat.“
„Ach, Lisa, lass es doch. Kannst du nicht einfach mal Ruhe geben? Auf Eiertänze hab ich nun heute wirklich keinen Bock mehr. Wir sind jetzt hier, haben einen wunderbaren Blick auf den See, dazu noch den Segen von Frau Holle. Und morgen ist ein neuer Tag. Ein bisschen essen wollen wir auch, und zwar ohne die Horrorvisionen dieser Dorfschelme. In meinem Vorrat hab ich noch feine Sachen. Hast du Hunger?“
„Klitzekleinen.“
Ich zog den Rucksack heran und kramte nach Essbarem.
„Hey, schau mal, was ich hier habe.“
„Ölsardinen, wie köstlich“, meinte sie. „Sonst mag ich sie gar nicht, aber hier ist sowieso alles anders.“
„Ohne Haut und ohne Gräten. Und was meinst du, was es dazu gibt?“
Ich kramte weiter und zog eine Packung Knäckebrot heraus.
„Voilà, wenn das keine Delikatessen sind!“
Dann holte ich mein Messer aus der Hosentasche, öffnete die Dose und gab sie ihr. Sie angelte sich mit der Gabel ihres nagelneuen Campingbestecks ein Fischchen, legte es auf eine Knäckebrotscheibe und weg war es.
„Jetzt du.“ Dose, Knäckebrot und Gabel reichte sie weiter.
„Klar, immer abwechselnd, bis alles ratzeputz weg ist. Und zum Dessert gibt’s für jeden einen Schokoriegel. Wenn das kein köstliches Mahl ist!“
„Martin“, schrie sie plötzlich auf, „hast du es gesehen?“
„Was denn?“
„Ein weißer Schatten“, kreischte sie, „schneeweiß, ganz dicht an unserem Zelt. Und das Flattern. So laut. Ganz nah.“
„Eine Fledermaus. In der Dunkelheit jagen sie.“
„Weiße Fledermäuse jagen nur tagsüber.“
Woher wollte sie das denn wissen? Klar jagten die auch nachts, wie alle Fledermäuse. Ungewöhnlich war eher, dass diese hier oberhalb der Baumgrenze umherschwirrte, wo doch ihre Heimat in den Regenwäldern von Honduras war. Möglich jedoch, dass es auch eine Art gab, die sich in Eis und Schnee wohl fühlte.
„Nicht alle“, sagte ich und damit gab sie sich zufrieden.
„Bei den Mühlreuters ist nichts mehr so, wie es war“, begann sie nach einer Weile.
„Diese Mühlreuters kenne ich nicht, du auch nicht und ich will sie auch nicht kennenlernen. Gibt’s denn nichts Besseres zu reden? Es schneit, wir sitzen im Trockenen und haben einen schönen Blick auf einen unvergleichlichen Gebirgssee.“
„Das Leben der Familie ist zerstört, seitdem Vanessa verschwunden ist.“
„Wer weiß, warum sie abgehauen ist. Für ein junges Mädchen, das dazu noch hübsch ist, gibt es reichlich Gründe, so ein Bergnest am Ende des Tales zu verlassen.“
„Hast du nicht gehört, was sie an der Theke noch erzählt haben?“
„Was interessiert mich das dumme Geschwätz dieser Almöhis?“
„Einer hatte in jener Nacht über Mühlreuters Haus ein weißes Flugwesen gesehen.“
„Papperlapapp.“
„Da war es wieder“, kreischte sie, sprang auf, kniete vor ihrem Rucksack und begann, ihre Sachen einzupacken.
„Was hast du vor?“
„Ich halte das hier nicht aus.“
„Beruhige dich, es ist alles in Ordnung.“
„Hier kann ich auf keinen Fall bleiben.“
„Und wo sollen wir hin? Den Abstieg können wir jetzt nicht machen. Lebensgefährlich ist das mitten in der Nacht.“
„Egal wie, ich gehe hinunter.“
„Und was war heute Nachmittag? Alles vergessen? Geröllfeld? Felswände? Abgrund?“
Sie schob ihren Rucksack in die Ecke und kroch wieder neben mich.
„Guck wenigstens draußen nach, was das war.“
Große Lust hatte ich nicht, aber so gab sie ja auch keine Ruhe.

Es schneite nicht mehr. Die Wolken waren weggezogen und der Mond beleuchtete von seinem Platz über dem Felsmassiv die Alm, schönes bläuliches Licht auf dem Schnee. Ziemlich groß war er und kreisrund. Ich schlich um unser Zelt herum, konnte aber zunächst nichts entdecken. Fußspuren waren da. Ich erkannte das Profil meiner Wanderschuhe. Als ich zu den zwei Felsen hinauf schaute, kam mir doch nun auch unwillkürlich die Story von den schaurigen Gestalten in Eisgrotten in den Sinn. Kein Wunder, dass die Leute in den Bergen solche Geschichten erfanden und am Ende sogar glaubten, sie wären Realität. Hatten sie doch tagtäglich dieses bizarre Felsmassiv vor Augen. Und das sah nicht immer gleich aus, sondern änderte seine Gestalt stündlich, je nach Sonnenstand, Regen, Schneefall, Nebel und vor allem bei Vollmond. Da konnte schon mal die Fantasie mit einem durchgehen und das schönste Gebirgslatein in den Kopf kommen.

Nun packte mich die Neugier. Ich wollte mir die Höhle da oben genauer ansehen. Wann hatte ich schon mal die Gelegenheit, weiße Fledermäuse zu betrachten? Über die Felsbrocken kletterte ich hinauf. Am Eingang angekommen, sah ich schon ein wunderbares Exemplar an der Decke hängen. Schneeweiß und viel größer als ich es mir vorgestellt hatte. Das musste ich mir aus der Nähe ansehen. Ich ging hinein und betrachtete das Tier. Wo waren denn die Ohren? Vom Foto wusste ich, dass sie kopfunter baumelten wie die schwarzen. Vorsichtig berührte ich es mit dem Finger. In dem Moment wurde ich von einem eisigen Sog erfasst und beinahe von den Beinen gerissen. Erschrocken fuhr ich herum. Eine schneeweiße Mähne schleuderte mir ins Gesicht und stechend blaue Augen bohrten sich in meinen Hals. Mit eisigen Klauen packte mich das Ungeheuer. Ich stemmte beide Arme gegen seinen Körper, griff jedoch ins Leere und taumelte gegen die Wand. Verzweifelt zog ich mein Messer aus der Hosentasche, klappte es blitzschnell auf und als ich es erhob, wich mein Gegner zurück. Jetzt würde ich ihn erledigen. Aber o Schreck! Die Waffe glitt mir aus der Hand. Ich wollte sie aufheben, rutschte aus und stürzte zu Boden.
Ein lang anhaltender Schrei brachte mir das Bewusstsein zurück. Woher kam der? Lisa! Was war ihr passiert? Ich stützte mich am Felsen ab, um auf die Beine zu kommen. Wo war das weiße Ungeheuer? Nur stille Winterlandschaft, wohin ich blickte. Friedlich lag das Zelt am See im blausilbernen Licht. Dann war ja wohl doch alles in Ordnung. Wie lange war ich denn weg gewesen? Lisa würde schon warten. Ich ging los. Da kam sie mir schon entgegen. Erst nur schwach zu erkennen, dann immer deutlicher. In weißem Gewand schwebte sie auf mich zu. Wunderschön sah sie aus mit ihren wehenden Haaren, ihr Mund so rot. Sie kam näher, die Arme mir zugewandt. Ich fasste ihre Hände. So kalt. Ihr blutroter Mund lächelte mich an. Sie zog mich an sich. Ihre Zähne glitzerten silbern. Immer näher kamen die. Mein Messer! Wo war es? Ich riss mich los, lief zurück, sah schon die Klinge im Mondenschein blitzen, schnappte es, schnellte herum und hielt es der Frau entgegen. Da war sie verschwunden.

„Du warst lange weg, Martin. Ich war schon eingeschlafen“, sagte Lisa, als ich in das Zelt kroch. „Wie kalt du bist. Komm zu mir in den Schlafsack.“
Das war eine gute Idee.
„Hast du draußen etwas gefunden?“
„Gefunden, entdeckt, herausgefunden, wie du willst“, sagte ich. „Doch morgen ist auch noch ein Tag. Jetzt bin ich hundemüde und muss erst mal eine Runde schlafen.“
Das würde mir in der kuscheligen Enge auch sofort gelingen. Wenn die Sonne aufging und das weiße Ungetüm wieder in seiner Höhle baumelte, würde ich die Quelle finden, Teewasser holen und Lisa beim Frühstück mit leckerem Cornedbeef und Knäckebrot von den schaurigen Bestien erzählen, die vor vielen Jahren in Ungarn vertrieben worden waren. Hier oben hatten sie sich eingenistet und waren Jahrhunderte lang eingefroren. Durch die Erderwärmung tauten sie nun auf und trieben ihr Unwesen. Eines von denen hatte Mühlreuters Tochter das Leben ausgesaugt. Seitdem irrte Vanessa in Vollmondnächten im Gebirge umher.



Samstag, 10. August 2013

... und vom Sommer






Neues Projekt


Hat mich jemals etwas so durcheinander gebracht wie die Botschaft, dass du da bist? Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich ratlos, vierzig Jahre alt und ratlos. Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Du oder er? Eine Frage, auf die ich gut verzichten könnte, die vielleicht völlig abwegig ist und  längst beantwortet wäre für mich, sollte sie sich denn stellen. Und dennoch fühle ich mich jetzt in der Situation, dass ich mich das fragen muss, ohne es zu wollen, ohne es jetzt zu wollen, schicksalhaft mit dem Dilemma konfrontiert.
Du oder er?
Es war ein ausgesprochener Glückstag, als ich ihm begegnete, ein unerwarteter Lichtblick, nachdem das Thema ‚Männer’ für mich längst abgehakt war. Männer! Ich war nämlich davon überzeugt, sie nützten nicht, sondern schadeten mir nur. Kurz gesagt, ich brauchte sie nicht und war überzeugt, es käme keiner mehr an mich heran. Das klingt hart, doch nach meinen Erfahrungen musste ich das so sehen. Männer in meiner Nähe bedeuteten jedes Mal eine Katastrophe. Misstrauen, Kampf, Verletzungen. Immer das gleiche Theater, wie verhext.
Macht gar nichts, wenn du das noch nicht verstehst. Wie solltest du auch?
Jedenfalls hatte ich irgendwann mein Motto klar: ‚Keine Männer, keine Tränen’.
Und dann kam er, wie ein Geschenk des Zufalls, und mit ihm die Erleuchtung, dass ich mich wohl geirrt hatte. Es gab Ausnahmen, zumindest diese eine, das musste ich mir eingestehen. Denn mit ihm erfuhr ich, dass es auch anders ging, mit Vertrauen und Liebe. Und, wie gesagt, dieses Glück kam völlig überraschend. Plötzlich stand er mir gegenüber und fragte: „Was machen wir jetzt?“
Jetzt, das war der Moment, an dem die meisten aus unserem kleinen Grüppchen ihre Skier auf die Autos gepackt hatten und abgereist waren, zu ihren Klausuren, an ihren Schreibtisch im Büro oder zu ihrer Arbeit in Haus und Küche. Alle waren unterwegs nach Hause, außer uns zweien. Wir waren übrig geblieben und standen nun auf unseren Brettern am Platz neben dem Ausstieg, wo wir uns tags zuvor noch mit den anderen versammelt hatten, bevor es auf die Piste ging. Jetzt nur wir zwei. Er und ich. Wir hatten noch einen Tag Zeit, einen ganzen Tag. ‚Was machen wir jetzt?’ Was für eine Frage! Wir waren doch schon oben angekommen, an der höchsten Stelle, von der wir die beste Aussicht über das ganze Winterland hatten. So bizarr die Farben und Formen, so schroff und so sanft. In der einen Richtung der felsige Lange, daneben der etwas kleinere Bruder und zwischen den beiden eine Scharte, die Jahr für Jahr einigen waghalsigen Skifreaks zum Verhängnis wurde, und zur anderen Seite hin der Blick auf die schneebedeckte Passstraße mit dem gemütlich rauchenden Schornstein auf dem Rasthaus, an dem hin und wieder ein Auto anhielt oder ein anderes mehr oder weniger  schleichend vorüberfuhr. Und ganz rechts der Blick hinunter über steile und sanfte Skihänge bis zum Wald und darüber hinaus auf die weißen Dächer rund um den Kirchturm des kleinen Ortes.
Wir begannen die Abfahrt, machten erste verhaltene Schwünge, immer wieder aufeinander achtend, mit fast ungläubigen Blicken nach jedem Hügel, so ungewohnt, nur wir zwei auf der Piste, auf der wir bisher immer zu mehreren gewesen waren. Der Weg führte uns in Serpentinen durch den Wald hinunter in den Ort, vorbei an der kleinen Kirche zum Einstieg etwas oberhalb, von dem uns ein Sessel auf die nächste Passhöhe brachte. Eng nebeneinander saßen wir und berührten uns zaghaft mit den Skiern, er mit dem rechten, ich mit dem linken,  hin und wieder ein Blick, als könnten wir es immer noch nicht begreifen. Oben angekommen, eine kurze Abstimmung und gleich wieder hinunter, mal er hinter mir, mal ich hinter ihm, Kurve um Kurve, Strecke für Strecke, Ort für Ort, Sessellift, Passhöhe, immer weiter, hoch und runter, durch die steinerne Stadt zu Füßen des felsigen Langen und des kleinen Bruders, vorbei an der Scharte der Waghalsigen. Wie schön das war, nur er und ich über vier Pässe und durch vier Täler, bis wir schließlich dort ankamen, wo wir einige Stunden zuvor gestartet waren.
Ich erzähle dir das, um dir klarzumachen, dass mit dir jetzt alles anders ist und damit du verstehst, was das für mich bedeutet und warum ich ihn nicht verlieren will, warum ich mich fragen muss: Du oder er? 
Am Abend dann in dem Haus oben am Berg, in dem wir tags zuvor mit so vielen am Tisch saßen, jetzt nur wir zwei. Spagetti Bolognese hatten wir in die Schüsseln gezaubert, dazu Parmiggiano. Nach dem Essen hörten wir Musik. Meine Lieblingssongs mochte er, ich seine ebenfalls. Wir lachten und tanzten, auseinander zusammen, auseinander zusammen, stundenlang. Dann holte er seine Gitarre hervor. Ein Stück gefiel mir besonders. Ich wollte es noch einmal hören. Er spielte es noch einmal. Immer wieder spielte er diese Melodie. Sie begleitete mich die ganze Nacht lang und am nächsten Morgen war sie immer noch da. Und am Tag darauf, in der nächsten Nacht, die ganze Zeit war sie bei uns. Er und ich und unsere Melodie.
Drei Monate haben wir nun schon diese ungestörte Zweisamkeit, jeden Samstag, jeden Sonntag, viele Abende und Nächte. Zusammen einkaufen, kochen, essen, Musik hören, tanzen, bummeln in Fußgängerzonen, durch Wälder und Parks, meine Hand in seiner Hand, reden über schwarze Löcher und ‚Rosen im Asphalt’.
Unser nächstes gemeinsames Projekt sollte eine Wanderung in unserem Winterparadies sein, jedoch ohne Schnee. Für diesen Sommer war es geplant und sogar schon in den Details vorbereitet. Mit Rucksack und Zelt wollten wir unterwegs sein, den schroffen Langen, seinen kleinen Bruder und die Scharte der Waghalsigen mal aus der Nähe betrachten, durch die steinerne Stadt gehen und dann weiter, Berge und Täler durchwandern, zu Fuß das Massiv umrunden. Unser Sommerprojekt nennen wir das, nannten wir das, hatten es uns so schön vorgestellt. Und nun knallst du in unser Leben, bist plötzlich da und bleibst auch da, hast dich schon eingenistet, als sei das ganz selbstverständlich. Niemals hätte ich damit gerechnet, dass du kommst. Vierzig Jahre lang hat mich nichts so aus der Bahn geworfen. Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen, zu unruhig war ich, viel zu unruhig. Wie soll es weitergehen? Mit dir dabei ist nichts mehr wie vorher. Tag und Nacht bist du nun dabei. Nie mehr bin ich allein. Nie mehr sind wir zu zweit, er und ich. Wie wird er reagieren, wenn er es erfährt? Mein lieber Träumer. So jung und unverbraucht. Bisher hat ihm das Leben noch keine solche Verantwortung aufgebürdet. Ich kann mir auch gar nicht vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn er plötzlich so gefordert wird wie mit dir. Er soll sich nicht verändern, soll immer der liebe Träumer bleiben. Doch ich befürchte fast, dass das nicht geht. Aus der Traum. Was wird er sagen? Über die Möglichkeit, du könntest dazukommen, haben wir nie gesprochen. Vielleicht hätten wir es noch getan. Irgendwann wäre es vielleicht ein Thema gewesen. Und nun bist du schon da. Konntest nicht mehr warten. Ich habe Angst, dass sein helles Gesicht sich verfinstert und dass jetzt alles vorbei ist.
Vorhin hat er angerufen. Er war so lieb, kommt heute schon etwas früher, hat es extra möglich gemacht, freut sich auf mich. Am Telefon konnte ich es ihm nicht sagen. Es ging einfach nicht. In seine Fröhlichkeit wollte ich nicht hineinplatzen mit dieser Botschaft. Ich weiß ja selbst erst seit gestern, dass du da bist. Was ich empfand, als ich es erfuhr? Das sollst du auf jeden Fall wissen. Mein Herz hüpfte, als wollte es aus der Brust springen. Und wenn ich in mich hineinhorche, ist es heute immer noch so. Ja, mein Bauch sagt etwas anderes als mein Kopf. Ein tolles warmes Gefühl habe ich, spüre intensiv, dass du da bist. Angenehm süß die leichte Übelkeit. Ein paar Millimeter groß bist du erst, doch dein Herz schlägt schon. Ein gerade erst begonnenes Leben, ein ganz kleines Leben, ein winziges Leben. Dein Leben. Dein Herzschlag. Was meinst du? Ich soll noch mal überlegen, warum die Frage: Du oder er? Das ist ja eine ganz neue Sichtweise. Gar kein Dilemma? Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht. Recht hast du. Warum eigentlich diese dumme Frage? Zumal sie ja für mich ohnehin längst beantwortet wäre, sollte sie sich denn so stellen, was ja gar nicht der Fall ist. Du oder er? Was soll überhaupt das ‚oder’? Ich werde es gegen ein ‚und’ austauschen. Du und er, muss es heißen. Noch besser: Du und er und ich.
Je mehr ich nun darüber nachdenke, desto mehr gewöhne ich mich an den Gedanken. Du und er und ich. Wir sind jetzt drei. Ja, das werde ich ihm sagen. Und er muss wissen, dass jetzt alles ein bisschen anders wird, vor allem, dass ich höllisch aufpassen muss auf dich, damit dir nichts passiert. Das ist wichtiger als alles andere im Moment. Nichts werde ich tun, was dich in Gefahr bringen könnte. Deshalb werden wir das Sommerprojekt streichen müssen. Eine Wanderung in den Bergen wäre nichts für dich, viel zu gefährlich. Du musst erst noch ganz doll wachsen, bis du groß und stark genug bist für diese Welt. Im nächsten Sommer nehmen wir dich dann mit zum felsigen Langen. Der blinzelt seinem kleinen Bruder zu, ohne dass es jemand sieht, und die beiden Unentwegten amüsieren sich still. Dein Vater hat anstatt Rucksack dann dich in der Trage auf dem Rücken und zu dritt wandern wir ein kleines Stück entlang der Scharte der Waghalsigen und durch die steinerne Stadt.
Gleich wird er hereinkommen und sich auf seinen Platz im Sofa setzen. Da bleibt nur noch eine Frage: Wie sag ich es ihm? Am besten besorge ich uns erst einmal einen Pott Kaffee aus der Küche. Dann setze ich mich neben ihn und schaue ihn an. Sein helles Gesicht strahlt. ‚Was machen wir jetzt?’, fragen seine Augen. Meine Antwort kannst du dir schon vorstellen: ‚Wir haben ein winziges neues Projekt’, werde ich sagen.


Leseprobe aus Wenn wir von Liebe reden

Sechs Wanderungen in den Dolomiten

Mittwoch, 26. Juni 2013

... und Schiller und Schubart begegnen


Rebellen
(Schubart und Schiller auf der Festung Hohenasperg - 1782)

Nachdem der Wachsoldat die schwere Eisentür geöffnet hatte, erhob sich Schubart von seinem Lager und schlurfte leicht taumelnd zum Ausgang. Dann stand er auf dem Hof der Festung und blinzelte in das grelle Sonnenlicht. Die Kinder hatten bei seinem Anblick ihr ausgelassenes Spiel unterbrochen und beobachteten ihn aus einiger Entfernung. Kein Wunder, dass sie Angst vor ihm hatten, fühlte er sich doch selbst wie ein Ungeheuer, seitdem er hier gefangen gehalten wurde.
Er wankte über den Platz und blieb einen Moment lang im Schatten der alten Linde stehen, die Beine machten ihm zu schaffen. Es zog ihn um das Kasernengebäude herum auf den Wall. Dort würde er ungestört sein, hinter dem Turm mit dem Kerkerloch, seinem ersten Domizil hier auf dem Asperg, wo sie ihn weggesperrt hatten wie ein Stück Vieh im Käfig. Sechs Schritte hin, sechs Schritte zurück, Stunde um Stunde, dreihundertsiebenundsiebzig Tage und Nächte in Dunkelheit und modrig faulem Gestank. Gefangner Mann, ein armer Mann.
Doch immer noch war er nicht tief genug gefallen und musste dieses verpfuschte Leben weiter ertragen. Keuchend stieg er die Treppe hinauf auf das Plateau. Von hier aus ging der Blick auf grüne Weinfelder und idyllische Ortschaften. Freiheit, doch nicht für ihn. Er beugte sich über die Brüstung, tief hinunter ging es da. Könnte er sich doch einfach fallen lassen in diesen Abgrund, Erlösung für die Ewigkeit hätte er dann. Worauf wartete er? ‚Los, Schubart. Sei doch noch einmal mutig, ein allerletztes Mal’.
Nein, selbst dazu war er zu schwach. Helene und die Kinder kamen ihm in den Sinn. Irgendwo dort hinter dem Horizont warteten sie auf seine Freilassung, den fünften Sommer jetzt schon. Er konnte es sich immer noch nicht verzeihen, dass er trotz Helenes böser Vorahnungen leichtsinnig dem teuflischen Despoten in die Falle gegangen war. Wie hatte seine Frau ihn beschworen in der letzten gemeinsamen Nacht.
‚Ich weiß nicht, wie mir ist, Christian. Fahr nicht mit dem Amtmann nach Blaubeuren. Bleib in Ulm’.
Er setzte sich auf eine Mauer und wünschte, er könnte die Zeit zurückdrehen, Helene würde neben ihm sitzen und er könnte den Kopf an ihre Schulter legen. Hätte er nur dieses eine Mal auf sie gehört! Alles zu spät.
„Ich weiß nicht, wie mir ist, Helene“, schluchzte er und Tränen rieselten in seinen Bart.

Als er eine Weile so gesessen und vor sich hingebrütet hatte, hörte er Schritte. Ein großgewachsener Jüngling stapfte den Hügel hinauf und kam auf ihn zu. Seine Haare glänzten rötlichgolden im Sonnenschein. Schubart erkannte gleich das herzerfrischende Lächeln des Regimentsmedikus, Verfasser der Räuber, mittlerweile bekannt bin in den letzten Winkel.
„Schiller“, rief er. „Das ist eine Überraschung. Ist Er den langen Weg von Stuttgart hierher gewandert?“
Der junge Mann setzte sich neben ihn auf die Mauer und wischte sich mit dem Hemdärmel den Schweiß von der Stirn.
„Da staunt Er, was? Von der Wache habe ich erfahren, dass Er sich am Belvedere aufhält, einen wirklich schönen Ausblick hat Er hier.“
„Aber keine Freude.“ Schubarts Stimme klang rau.
„Er sieht jetzt besser aus, als bei meinem Besuch im November. Nicht mehr gar so grau im Gesicht“, fuhr Schiller fort.
„Er will mir nur schmeicheln. Aber Er weiß ja nicht, wie einem Ausgestoßenen zu Mute ist. Ein kranker Mann bin ich. Zu schwach zum Leben, zu schwach zum Sterben. Und Er? Man hört einiges Gemunkel.“ Fragend schaute Schubart den jungen Dichter an.
„Er hat richtig gehört. Der Herzog hat mir verboten, künftig etwas ohne seine allerhöchsteigenhändige Zensur drucken zu lassen. Dass ich ohne Urlaub in Mannheim zur Aufführung der Räuber war, ist ihm verraten worden, die Weiber können’s Maul nicht halten.“
„Schreiben darf Er aber noch?“
„Er schreibt keine Komödien mehr, hat Serenissimus gedroht. Andernfalls lass ich Ihn auf die Festung setzen und Seinen Vater lass ich vom Brot bringen.“
„Und was will Er jetzt tun?“
„Nun, in der Pfalz habe ich dergleichen nicht zu fürchten.“
„Was will Er denn damit sagen?“
„Er muss nur verschwiegen sein.“
„Aber Schiller.“
„Nun, da ist meine Bekanntschaft mit Dalberg. Ich habe Aussicht, Theaterdichter in Mannheim zu werden.“
„Hofpoet. Dann könnte der fürstliche Landesvater Ihn ja entlehnen wie den italienischen Hofpoeten kürzlich, eine Menge Gulden hat er dafür gezahlt. Nur, dazu müsste Er nicht Schiller heißen, sondern Schilleri oder noch besser Schillerieri.“
„Und französisch parlieren, nicht etwa deutsch wie ‚deutlich’“, fiel Schiller ein. „Aber Scherz beiseite, mit dem Herzog ist nicht zu spaßen.“
„Selbst im Ausland ist Er vor nicht sicher vor Verfolgung. Schau Er mich an.“
„Ach, Schubart, ich schau Ihn ja schon die ganze Zeit an. Das Unrecht hier auf dem Asperg muss ein Ende haben. Seine Chronik, Er hat doch nur die Wahrheit gesagt. Ein Meister des Wortes ist Er und hier eingekerkert und mundtot gemacht. Alles gewagt hat Er. Sieh Er hier.“ Schiller zog ein gedrucktes Schriftstück aus der Hemdtasche. Dann rezitierte er weit ausholend mit großem Pathos in die liebliche Landschaft hinaus.
Da liegen sie, die stolzen Fürstentrümmer …“
Die Fürstengruft“, winkte Schubart ab. „Nichts als Ärger hat’s gebracht. Alles gewagt, alles verloren.“
„Fürstentrümmer“, wiederholte Schiller mit Nachdruck. „Ich trage sie überall bei mir. Der Tyrann in seiner Gruft. Nicht nur Er hat diese Vision. Im ganzen Lande schätzt man seine Verse, nur die Obrigkeit nicht. Das menschliche Herz muss siegen.“
Das menschliche Herz. Eine Weile hingen beide Männer ihren Gedanken nach, bis der Gefangene unruhig wurde. Ein Wachsoldat war auf den Wall gekommen und schaute in die Ferne. Mit zitternden Händen zog Schubart eine silberne Taschenuhr aus der Rocktasche und hielt sie sich vor die Augen.
„Die Zeit ist um, lieber Freund, ich muss zurück hinter Schloss und Riegel.“
Schiller reichte dem Älteren die Hand und half ihm beim Abstieg auf den Festungswall. Langsam gingen sie im Schatten der hohen Mauern hinunter zum Tor.
„Ich hoffe, dass ich Ihn recht bald wiedersehe, Schubart. Aber in Freiheit. Wenn ich erst in Mannheim bin, sorge ich dafür, dass Er frei kommt.“ Das klang sehr zuversichtlich aus dem Munde des jungen Stürmers.
„Am besten schickt Er eine ganze Räuberbande auf den Asperg herauf.“ Schubart lachte bitter. „Nein, nein, Schiller. Sieh Er erst einmal selber zu, dass Er seine Haut rettet. Noch hat Er Träume.“
Lange hielten sie sich in den Armen, bis der junge Stürmer sich abwandte und mit festen Schritten die Festung verließ.


(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus Gedichten von Christian Friedrich Daniel Schubart: Kaplied, Der Gefangene, Frage, Die Fürstengruft)

Leseprobe "Rebellen" aus Wenn wir von Liebe reden


Dienstag, 11. Juni 2013

Time Travel Terminal



Achtundvierziger
(Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848)

Nebelschwaden waberten über den See und tauchten die kahlen Bäume der Uferpromenade in ein diffuses Novembergrau. Wir gingen den alten Leinpfad entlang, auf dem zu früheren Zeiten Pferde geführt wurden, um die Schiffe flussaufwärts zu ziehen. Der richtige Tag, um eine Reise in den Frühling zu machen. Mein Ziel war Frankfurt an einem Märztag zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts, Krönung der Recherchen für meinen Roman, in dem es um die Liebesgeschichte eines Abgeordneten der Nationalversammlung mit einem Mädchen aus dem Volke gehen sollte.  Würde ich sogar den einen oder anderen Protagonisten des Jahres 1848 treffen, vielleicht Robert Blum davor warnen nach Wien zu gehen oder Friedrich Hecker zu mehr Vorsicht raten?
Jannis begleitete mich auf dem Weg zum Check-in im Seaside Center. Er hatte mir diese Reise zum dreißigsten Geburtstag geschenkt. Hand in Hand stapften wir durch die raschelnden Blätter.
„Wer hätte gedacht, dass sich die Technik so rasant entwickeln würde?“, sinnierte er. „Hast du gar keine Angst, Maleen?“
„Bisher ist doch noch jeder in seine Zeit zurückgekehrt.“
„Ganz wohl ist mir nicht bei dem Gedanken, dass du diese Reise allein machst. Es waren unruhige Zeiten damals. Ein falsches Wort kann böse Folgen haben.“
„Mein ängstlicher Liebling. In jenen Märztagen war die Stimmung in Deutschland so entspannt wie danach lange nicht mehr. Sei unbesorgt. Im Übrigen bin ich keine Revolutionärin.“
„Sondern eine junge Frau aus dem Volke, ich weiß. Dennoch kann es ohne männliche Begleitung gefährlich werden. Sei nicht zu…ich meine…“
„Kokett? Wo denkst du hin?“
Wir erreichten das Time Travel Terminal im Seaside Center.
„Machs gut, Maleen. Ich warte hier im Café auf dich.“
„Wenn dir langweilig wird, kannst du in der Zeitkapsel unter geriatric32 nachlesen, wie meine Großmutter die Erfindung des World Wide Web erlebt hat, 1994 war das.“
„Mach ich, Liebes, schon allein, weil du in dem Jahre geboren bist.“
Janis drückte mich an seine Brust, langer Abschiedskuss, heftiges Herzklopfen.

„Ihr Time Train geht in fünfundvierzig Minuten“, sagte die Dame und gab mir einen silbern glänzenden Chip, ‚ttt’ stand darauf.
„Ich bringe Sie in die Zeitschleuse“, sagte sie und führte mich in einen Raum, der wie die Umzugskabine einer Sporthalle wirkte. „Passende Kleidung finden Sie auf dem Kleiderständer. Verschließen Sie Ihre Sachen einschließlich Geldbörse, Armbanduhr und Communicator in dieser Box.“ Sie wünschte mir noch eine gute Reise und ließ mich allein.
Nachdem ich mich ausgezogen hatte, streifte ich zunächst eine weiße Leinenunterhose und ein Unterhemd über, ein bisschen groß, aber ich würde mich daran gewöhnen. Den langen braunen Rock hielt ich mit einem Gürtel auf der Hüfte. Darüber zog ich eine hübsche beigefarbene Leinenbluse und drapierte mir ein großes hellblaues Tuch um die Schultern. Die Box verschloss ich mit dem Chip und verließ mit Knöpfstiefeln an den Füßen die Zeitschleuse durch die andere Tür.
In diesem Raum wartete ein Mann mit ‚ttt’ Plakette an der Brust auf mich. Er überprüfte mein Outfit und war sichtlich zufrieden. Dann gab er mir einen kleinen Lederbeutel mit Schnüren und eine wunderbare altertümliche Taschenuhr.
„Dieses Gerät zeigt nicht nur die Uhrzeit an, sondern es ist auch ihr Navigationssystem für die Reise“, erklärte er.
Als ich meinen Chip in den Schlitz an der Seite des Uhrgehäuses steckte, leuchtete das Display auf. Ich befestigte den Lederbeutel am Gürtel und ließ die Uhr hineingleiten.
„Sind Sie bereit?“
„Ja“, antwortete ich mutig.
Er führte mich durch einen schmalen Gang, der in einer schwach beleuchteten Kabine endete, gerade groß genug für den schwarzen Sitz mit hohen, steilen Lehnen. Wie ein Käfig sah das Ding aus. Ich setzte mich hinein.
„Achtung!“ Im gleichen Moment wurde ich so heftig eingezwängt, dass ich mich keinen Millimeter mehr bewegen konnte. Meine Arme, Schultern und Beine wurden mit ruckartigen Bewegungen von allen Seiten fixiert. Unerträglich eng war es. Ich fürchtete eingequetscht zu werden. Dann bekam ich auch noch etwas über den Kopf gestülpt, das sich anfühlte wie ein Motorradhelm und sich langsam so eng um meinen Schädel schloss, dass es ihn zu zerdrücken drohte. Panik machte sich breit, das Atmen fiel mir schwer. Ich konnte nur noch den Mund bewegen und die Augen rollen, was ich auch ständig machte. Wie sollte ich hier jemals wieder heraus kommen? Ehe ich noch weiter darüber nachdenken konnte, begann der Sitz zu vibrieren, erst sachte, dann immer heftiger. Die Vibration ging in eine Drehbewegung über, rasend schnell rotierte ich, begleitet von psychedelischem Flackern in unbeschreiblich schneller Folge. Als ich dann auch noch wie in einer rasanten Achterbahnfahrt steil hinauf und im freien Fall hinunter befördert wurde, bei gleichzeitig unglaublich schneller Rotation, immer wieder, endlos lange, wurde mir kotzübel.

Eine Hand streckte sich mir entgegen und half mir hinaus. Ich konnte kaum stehen.
„Alles okay?“ Die Stimme gehörte zu einem gut aussehenden Mann mit dunklen, halblangen Haaren und ttt-Anstecker.
„Geht schon.“
„Folgen Sie den Anweisungen auf dem Display, dann kann nichts schief gehen.“
Der Ausgang führte in ein Dickicht aus Sträuchern und Bäumen. Nach einer halben Stunde verließ ich den Waldpfad und stand auf einer Anhöhe.
Meine Augen gewöhnten sich langsam an die helle Morgensonne. Frühlingsgrüne Wiesen und blühende Bäume breiteten sich vor mir aus. In einiger Entfernung lagen links und rechts des Flusses die Häuser der Stadt Frankfurt. Die beiden Ufer des Mains waren verbunden durch die majestätische Steinbrücke mit der markanten Bogenreihe, wie ich sie von historischen Abbildungen kannte. Auf dem Fluss wimmelte es von Dampfschiffen, Segelbooten und Kähnen. Menschen pilgerten von Anlegestellen her hinauf in die Stadt, wo der mächtige Turm des Domes in den strahlend blauen Himmel ragte.
‚10:16’, stand auf dem Display und darunter: ‚Jetzt haben Sie sechs Stunden und 44 Minuten zu Ihrer freien Verfügung’.
Siebzehn Uhr musste ich also zurück sein. Nachdem ich die Taschenuhr im Lederbeutel verstaut hatte, ging ich in östlicher Richtung auf einem holprigen Pfad und erreichte die ersten prächtig geschmückten Häuser. Es war eng auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen und Gassen. Ich bewegte mich mitten im Strom der Menschen, wurde eingehakt, freundlich angelächelt und einfach mitgezogen. Die Stimmung war überwältigend. Freiheit lag in der Luft, Freude auf den Gesichtern.
Wir erreichten den Platz vor dem Römer. An den imposanten Gebäuden wehten schwarzrotgelbe Fahnen im Sonnenschein. Hier standen die Männer der Nationalgarde in ihren blauen, gold geschmückten Uniformen und die Jungen der Turnergarde ganz in Weiß mit breitkrempigen Hüten, bereit zum Spalier für den Zug der Abgeordneten.
Ich ließ mich mit treiben in Richtung Paulskirche, wo die klügsten Köpfe des Volkes für Demokratie und Pressefreiheit kämpfen würden. Vor einer Art Holzbühne versperrte mir eine Ansammlung von überwiegend jugendlichen Zuhörern den Weg. Ihre Augen hingen am Mund eines Redners, der mit seinen langen blonden Haaren und den ausdrucksvollen Augen nicht nur glänzend aussah, sondern mit einem Feuer sprach, dem auch ich mich nicht entziehen konnte.
„Er sieht aus wie Christus“, sagte eine Frauenstimme hinter mir.
„Hecker ist der Beste. Hecker, Hecker“, rief einer und alle stimmten ein.
„Das Heckerlied …“, tönte es in der Menge und im Nu war ein gemeinschaftlicher Gesang im Gange.
Eine Mandoline ertönte dazu.
Bei der zweiten Strophe konnte ich den Refrain mitsingen:
„Er hängt an keinem Baume,
Er hängt an keinem Strick,
Sondern an dem Traume
Der deutschen Republik.“
Viele begannen wie wild zu tanzen. Eine junge Frau nahm meine Hände und ich wirbelte glücklich mit, immer rundherum. Lauter wurde der Gesang, schneller der Takt. Es war wie ein Sog, der mich unwiderstehlich mitriss. Wir bekamen nicht genug vom Singen und Tanzen.
Urplötzlich durchfuhr es mich wie ein Blitz: Mein Lederbeutel war verschwunden. Ich erstarrte, suchte hektisch mit den Augen den Boden ab, befühlte Rock und Gürtel. Nichts.
„Was hat dir denn den Tanz vergällt?“, fragte ein junger Bursche mit Federhut.
„Mein Lederbeutel…verschwunden und meine...“
Er half mir beim Suchen und ging sogar mit mir den mühsamen Weg gegen den Menschenstrom zurück zum Römerberg. Es war aussichtslos. Wie sollte ich in diesem Gewirr von Beinen und Füßen mein Navigationsgerät finden? Die ganze Zeit redete der Federhütler auf mich ein, doch ich reagierte gar nicht mehr und irrte weiter durch die Menge.
Was sollte ich nur tun?
Wie von fremder Hand gezogen, ging ich den Weg aus der Stadt hinaus. Dabei suchte ich unentwegt den Boden ab. Das verdammte Ding blieb verschwunden. 
Die Sonne stand schon im Westen, als ich die Anhöhe hinaufging. Der Wald schien undurchdringlich. Ohne Orientierungshilfe würde ich niemals den Weg zurückfinden. Und kein Mensch weit und breit konnte mir helfen. Ich setzte mich auf einen Baumstamm und weinte.

Jemand klopfte mir ungeduldig auf die Schulter. „Hallo“, klang es hektisch an mein Ohr. Ich schaute hoch. Es war der hübsche Dunkelhaarige vom Timetrain, bekleidet mit brauner Hose und Leinenhemd.
„Hier, nehmen Sie.“ Er drückte mir meinen verlorenen Schatz in die Hand. „Kommen Sie schnell. Wenn wir uns beeilen, schaffen wir es.“
Wir hetzten los und atemlos erzählte er, wie ein Alarmsignal bei ihm angekommen und er in die Stadt gerannt wäre. Sein Navigationsgerät hätte ihn zu einem Burschen mit Federhut und meiner Taschenuhr in der Hand geführt. Plötzlich hätte das Ding so heftig vibriert, dass er es auf den Boden geschmissen und mit schreckgeweiteten Augen angestarrt hätte. Danach wäre der Bursche weggerannt.

„Und du konntest nicht verhindern, dass der böse Friedrich drei Wochen später in die Fänge seiner Verfolger geriet?“, fragte Jannis, nachdem ich ihm von meiner wunderbaren Rettung erzählt hatte.
„Hecker meinst du. Daran habe ich gar nicht mehr gedacht. Ohne Chip war ich nur noch verzweifelt“, musste ich beschämt zugeben.
„Man kann dich wohl doch nicht alleine so eine Reise machen lassen, Maleen“, meinte er. „Wenn du deinen Achtundvierziger Roman im Netz hast, reisen wir gemeinsam in die Neunundachtziger: ‚Wir sind das Volk’.“

(Die kursiv formatierten Textstellen sind Zitate aus dem „Heckerlied“, überliefert aus dem Jahre 1847.)


Eine von 33 Stories aus Wenn wir von Liebe reden



Montag, 6. Mai 2013

... und von der Rose



Auf dem Weg zu dir singe ich im Kopf das Kinderlied. Dabei sehe ich dich. Die Fröhlichkeit in deinem Gesicht. Dein Lachen. So viel Hunger nach Leben. Wie glücklich du aussiehst. So jung. Jung und hübsch. Die Zuversicht in deinen Augen, wenn du singst. Für mich. Ja, ich weiß, ich weiß es. Hab’s schon längst gesehen. Beeilen muss ich mich. Mach ich ja, bin schon an der Ecke.
Du siehst mich. Freust dich.
Ach du.
Heiß ist es heute. Erbarmungslos brennt die Sonne auf meine Rose. Ich bin ja gleich bei dir und bei meiner Rose, werde durch das Tor gehen und sofort nach links schauen, zu dir. Das mache ich immer. Heute werde ich erst zum Brunnen gehen, dann zu dir.
Verstehst du doch.
Ja klar. Bei dieser Hitze werde ich viele Male zum Brunnen gehen, immer hin und her mit der Gießkanne. Schau, ich hab uns eine gelbe gekauft, damit ich sie nicht verwechsle zwischen den grünen am Brunnen. Außerdem finde ich diese gelbe viel schöner. Du auch, das weiß ich. Sie gefällt dir. Und sie passt besser zu meiner Rose. Schon allein, weil sie so außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich wie du. Einzigartig wie du und wie sie, meine Rose. Dass ich so oft zwischen dir und dem Brunnen hin und her laufen muss, macht mir gar nichts aus. Meine Rose soll nicht dürsten. Sie soll ihre strahlende Farbe behalten und die herrlich glänzenden Blätter. Vor allem ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit. Wir wollen doch noch viel Freude an ihr haben.
Du siehst mich schon am Tor.
Ich gehe hindurch, geradeaus zum Brunnen. Du hättest die rosa Farbe gewählt, ich weiß. Rosa fand ich auch immer schön, früher. Doch jetzt gefällt mir das Rot besser.
Warum rot, fragst du, warum so rot, warum so dunkelrot?
Ich warte, bis der Schmerz ein wenig nachlässt. Das dauert. Ich kenne das schon. Es dauert immer so lange, bis die Stille kommt, die jede Bewegung erstarren lässt und jeden Laut erstickt. Knallrote Stille. Die mir die Tränen in die Augen treibt. Die mir fast den Atem nimmt. Eine Weile, bis ich einen kleinen Schritt mache, stehen bleibe, lange stehen bleibe, bis ich dann langsam weitergehe. Erst zum Brunnen und dann zu dir und zu meiner Rose. So rot.
Du weißt, was das bedeutet, das Rot. Diese fünf Buchstaben. Demnächst bringe ich auch das weiße Herz mit den fünf Buchstaben wieder mit.
Warum ich es weggenommen hatte, obwohl es dein Herz ist, weil ich es dir doch geschenkt habe, fragst du.
Das hab ich dir doch erklärt. Hier draußen ist es zu kalt im Winter. Ich will nicht, dass es in frostigen Nächten zerbricht. Dann hättest du auch nichts mehr davon. Deshalb habe ich es an einem warmen Platz gut geschützt aufbewahrt. Ich werde es wieder mitbringen und an den Sockel lehnen, neben meine Rose, nein, ein bisschen dahinter, weil die Rose, anders als das Herz, zum Sockel etwas Abstand braucht. Ja, ich arrangiere es schön aufrecht am Sockel, den goldenen Schriftzug ein wenig zum Himmel gerichtet, damit du immer sehen kannst, was da geschrieben steht. Fünf Buchstaben in Gold auf Weiß. Damit du immer erinnert wirst.
Weiß ich doch, sagst du. Wozu brauchst du die fünf Buchstaben auf Stein? Dich muss nichts erinnern, weil du es weißt. Weil sie immer da ist? Immer und überall ist sie da.
Schon richtig. Ich weiß das ja auch. Sie ist immer da, wie eine Brücke zwischen deiner Welt und meiner Welt. Und wenn ich es mir recht überlege, brauche ich das steinerne Herz mit den fünf Buchstaben auch nicht mehr. Ich habe doch dein Lied. Und dein Lachen. Und meine Rose.

Leseprobe aus ►  Wenn wir von Liebe reden

"Da ist ein Land der Lebenden 
und da ist ein Land der Toten.
Die Brücke zwischen ihnen 
ist die Liebe ..."

(Thornton Wilder: Die Brücke von San Luis Rey)



Dienstag, 23. April 2013

... und immer wieder die Gitarre


Es gibt keinen anderen Weg. Ohne Helen kann er in diesem Haus nicht wohnen bleiben. Der Triumphblitz in ihren Augen, heute Morgen beim Abschied. Er spürt ihn noch in der Herzgegend. „Wir hören voneinander“, hören voneinander …
Den ganzen Tag über hat ihn das kaputt gemacht, den ganzen Nachmittag hat er geheult. Sein Tagebuch neben der leeren Kaffeetasse auf dem Nachttisch. Er nimmt es in die Hand. Streicht über das dunkelrote Leder, so weich. Überall hat er es dabei. Was würde er nur tun ohne diesen geduldigen Zuhörer? Was soll aus ihm nur werden?
Es wird still sein hier im Haus, wenn er morgen Nachmittag von seiner Mutter zurückkommt, totenstill. Die Geräusche von der Straße werden nichts mit ihm zu tun haben, von weit her werden sie kommen. Rasenmäher, Traktoren und Stimmen in Watte gepackt. Genau wie jetzt. Wieder wird er auf dem Sofa liegen und die Lichtstreifen der Abendsonne werden ganz langsam an der Wand entlang wandern, das Bücherregal erreichen, von Lücke zu Lücke springen, bis zum Boden, bis sie verschwunden sind. Er wird darauf warten, dass es dunkel wird in diesem Haus. Auf nichts sonst wird er warten, auf niemanden.
Von Helen ist er kuriert. Mit ihr will er nichts mehr zu tun haben, wird von ihr befreit sein, ein für alle Mal. Wie konnte er nur in diese Abhängigkeit geraten? Der Weg ist zu Ende, hat sie gesagt, sie beide wären an ihrer kaputten Jugend gescheitert. Nein, nein, nicht die kaputte Jugend. Sie ist im Irrtum. Der Grund ist ein anderer. Helen bringt es nicht fertig, ihn neben sich zu akzeptieren, einen Hausmann. Das wollte er ihr noch sagen an dem Abend, als sie an der Küchentheke saßen und sie endlich Klartext redete. Vieles wollte er ihr noch sagen, zum Beispiel, dass sie selbst ihn doch unbedingt als Hausmann haben wollte, seinerzeit, als Aaron klein war.
Übermorgen wird er sich das möblierte Zimmer ansehen. Nicht hier im Ort, sondern im Nachbardorf. Mitleidige Blicke könnte er nicht ertragen. Dann Schrittchen für Schrittchen seinen Weg in die Freiheit organisieren. Er glaubt fest daran, dass er seine innere Ruhe wieder findet und irgendwann auch wieder schlafen kann.
Als sie vor einem Jahr in dieses Haus einzogen, konnte er sich nicht vorstellen, jemals wieder auszuziehen. Alles war so, wie er es sich erträumt hatte, offene Räume, Holztreppe, Innenhof. Gut durchgeplant und liebevoll ausgestattet, in warmen Farben. Zugegeben, es stimmte da schon nicht mehr so richtig zwischen ihnen. Die getrennten Schlafzimmer sollten eine Chance sein, Distanz ermöglichen, damit sie sich nicht von ihm bedrängt fühlte. Irgendwann würde sie wieder so sein wie früher, zärtlich und offen. Niemand außer ihm kannte diese Helen. Sie würden schon wieder zusammenfinden, Karriere und Erfolg nicht mehr so wichtig für sie sein. Wenn sie doch endlich aufhören würde, verbissen ihren beruflichen Zielen nachzujagen!
Was zieht sie zu dem anderen Mann? Warum fühlt sie sich von dem nicht eingeengt? Täglich ist sie mit ihm zusammen, von morgens bis abends und nun auch in den Nächten. Mit ihm ist sie glücklich. Gemeinsam gehen sie zum Tanzen und besuchen Konzerte. Sogar eine Reise haben sie gebucht. Selbst für Urlaub hat sie plötzlich Zeit.
Martin wischt die Tränen ab, obwohl er weiß, dass das nichts nützt, dass er sich nicht wehren kann gegen die Traurigkeit, und schon gar nicht, wenn er jetzt aufsteht, zum Plattenspieler schlurft, sich neben den Hund auf den Teppich legt und wieder und wieder diese Stimme hört und die Gitarre, wie sie weint, wieder und wieder, er weiß nicht mehr, wie oft, musste die Langspielplatte schon neu kaufen, weil er den Kratzer nicht ertragen konnte, den kleinen Kratzer. Weil das Lied so kurz ist, muss er die Nadel immer wieder neu aufsetzen, immer wieder den Anfang finden: „I love you, you love him, there’s nothing I can do. It was in my destiny to fall for you. You say why, don’t I try to find someone new? It was in my destiny …“

(Song: Destiny, José Feliciano, Anne Murray 1970)

Leseprobe "Destiny" aus: Wenn wir von Liebe reden