Dienstag, 11. Dezember 2018

Weihnachtsgeschichte: Sandmann


Im Watteschnee neben dem Automaten für die Parkgebühren steht Sandmann mit seiner roten Zipfelmütze. Er trägt einen Sternenschlafrock in seidigem Dunkelblau und  hat ein zauberhaftes Lächeln aufgesetzt. In der Hand hält er ein langes goldenes Fernrohr, durch das er hinauf schaut zu den Sternen, um zu prüfen, ob die Engel sie  ordentlich geputzt haben. Ja, sie funkeln prächtig, denn bald ist Weihnachten. Das Einkaufscenter hat sich wieder in ein Fantasieland verwandelt mit Märchenfiguren und leuchtenden Kugeln an Tannenbäumen in Rot und Gold.  Von der Rolltreppe aus kann Thomas das schon sehen. Die bringt ihn vom Parkdeck hinunter direkt zu Peterchen und Anneliese in ihrer Kinderstube, der Junge im blauen, die kleine Schwester im rosa Nachthemd, bereit für die abenteuerlichsten Träume. Die kommen auch sofort, denn schon ein paar Meter weiter beginnt die tollkühne Reise zum höchsten Mondberg. Auf Sandmanns Schlitten schweben die zwei Kinder über die Milchstraße. 
Diese Märchenszenen wecken Erinnerungen. Thomas denkt an die Zeit, als Sarah noch ein kleines Mädchen war und er ihr abends vor dem Schlafengehen Geschichten vorgelesen hat. Auch die von der abenteuerlichen Mondfahrt auf der Suche nach dem verlorenen Beinchen von Maikäfer Sumsemann. Traurige Gedanken sind das, denn er hat sein Kind schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Auch in diesem Jahr ist er wieder auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für Sarah. Wenn er sie schon nicht sehen kann, will er ihr wenigstens etwas schenken, worüber sie sich freut. Das ist schwierig. Wahrscheinlich wird es wieder genau so sein wie im letzten Jahr und an ihrem Geburtstag und überhaupt seit vielen Jahren. Sarah ignoriert seine Geschenke. Er muss damit rechnen, dass sie ihm auch diesmal wieder nicht antwortet. Was soll er tun? Hat er denn gar keine Chance? Denkt sie gar nicht mehr an ihren Papa? Am Ende macht sie sich noch lustig über seine vergeblichen Bemühungen. Hat er denn alles falsch gemacht? Nein, es kann nicht alles umsonst gewesen sein. Er gibt die Hoffnung nicht auf. Niemals. Sarah ist und bleibt sein Kind.
Die drei Abenteurer haben nach einem Besuch im Schloss der Nachtfee die silberne Mondkanone erreicht. Jetzt kommt der spannende Moment. Peter hat eine schwierige Aufgabe. Er wird auf den Gipfel des höchsten Mondberges geschossen, um das Maikäferbein zu holen.  Könnte Sarah das doch hier sehen, könnten sie sich das zusammen anschauen. Wie hatte sie gebangt und gehofft, dass alles gut ging auf der gefährlichen  Reise in die unbekannte Welt und dass Peter die Rettung gelingen würde. Nie bekam sie genug von diesem aufregenden Abenteuer. Bis feiner silberner Sand aus Sandmanns Pusterohr in ihre Augen rieselte und sie in seinem Arm einschlief. Thomas wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. 
Vor den Auslagen des Juwelierladens bleibt er kurz stehen. Sein kleines Mädchen hatte eine Vorliebe für alles, was glitzerte und glänzte, wie das Armband mit den goldenen Tierfigürchen. Und jetzt? Er weiß nicht einmal, wie Sarah  jetzt aussieht. Auf der Weihnachtswiese sind die schönsten Spielzeuge aufgebaut, Puppen, Trommeln, Autos und Bilderbücher wie  Blumen im Watteschnee. Ja, das hätte ihr gefallen. Wie einfach war es doch, als sie sich noch eine Puppe wünschte. Die mit den langen blonden Zöpfen wäre genau die  Richtige für sie gewesen. Ach, und die schönen Bilderbücher. Sie hätte „Lauras Stern" ausgesucht. 
Und wovon träumt eine Fünfzehnjährige? 
Die letzte Rettung ist mal wieder der Buchladen. Da könnte er auch diesmal etwas für seine Tochter finden. Das vielfältige Angebot an Jugendbüchern ist schon fast verwirrend. Käme vielleicht „Tintenherz“ in Frage? Oder "Der Herr der Finsternis"? Steht Sarah auf Fantasie? Alles nicht das Wahre. Er weiß ja gar nicht, ob sie diese Bücher bereits hat. Vielleicht hatte seine Tochter sogar schon einen "Höllenflirt". Doch zu dem Thema etwas Passendes zu finden, ist wohl aussichtslos. Damit könnte er nur ins Fettnäpfchen treten. 
Ein Buchcover hatte er gleich beim Reinkommen auf einem der Tische entdeckt. Es gefällt ihm von allen am besten. Eine geheimnisvolle Landschaft ist da abgebildet, schön gestaltet in warmen Grüntönen im Kontrast zum Blau von Meer und Himmel. Das Bild vermittelt ein seltsam schönes Licht, wie er es manchmal auf Fotos von Polarlichtern gesehen hat.  Und wie gut der Titel passt: „Traum im Polarnebel". Juri Rytchëu hat die Geschichte geschrieben. Ein seltsamer Name. Von dem Autor hat er noch nie gehört, „Sohn eines Jägers in der Siedlung Uelen auf der Ttuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens“. Der Text wurde aus dem Russischen übersetzt. Er betrachtet das Buch von allen Seiten. Es sieht nicht nur gut aus, die Informationen zu Autor und Inhalt hören sich auch sehr viel versprechend an. Ein Mann strandet im Eismeer und wird im Hundeschlitten zu einer Schamanin gebracht. Es wird eine harte Zeit in der eisigen Tundra, die härteste, die er jemals erlebt hat. Von Rettung ist die Rede und es wird ein hoffnungsvolles Ende in Aussicht gestellt. „Aus einem Winter wird ein ganzes Leben“, heißt es im Klappentext.
Das Buch gefällt ihm sehr. Am liebsten würde er es gar nicht mehr aus der Hand legen. Er schaut noch einmal auf das Coverbild. Es könnte auch Sarah gefallen. Die passende Weihnachtskarte wird er noch aussuchen. Eine endlos  weite Winterlandschaft stellt er sich vor, in der Ferne ein Häuschen mit rauchendem Schornstein und kleinen hell erleuchteten Fenstern. Dazu wird er ihr ein paar Zeilen schreiben, ihr erklären, warum er diese Geschichte für sie ausgesucht hat. Vielleicht so: 'Liebe Sarah, lange habe ich nach einem Geschenk für dich gesucht. Erinnerst du dich an den Sandmann und Peterchens Mondfahrt? Weißt du noch, wie wir beiden zusammen mit Peter und Anneliese auf Sandmanns Schlitten über die Milchstraße zum Mond gereist sind, um dem armen Maikäfer zu helfen? Ich habe eine Geschichte gefunden, die dich auch in eine andere Welt entführt, wo auch jemandem geholfen wird. Ich dachte, das könnte etwas für dich sein. Doch ich weiß nicht so recht, was du jetzt gerne liest. Weißt du, wenn Weihnachten naht, ist das immer so seltsam mit mir und mit dir. Weißt du? Ach, ich weiß selber nicht.' Tränen verwischen die Konturen der dunkelgrünen Hügel mit dem Blau des Polarhimmels.
Nein, das bringt nichts. 
Er legt das Buch zurück. 
Auf dem Weg zur Rolltreppe bleibt er noch kurz bei den zwei kleinen Abenteurern stehen. Peter und seine Schwester sind nach gelungener Rettung des sechsten Maikäferbeinchens wieder daheim. Sumsemann spielt auf der Geige eine wunderschöne Melodie, begleitet von tausend und abertausend feinen Silberglöckchen. 
Während der Fahrt nach oben zum Parkdeck schwenkt er noch einmal den Blick über die üppig  glänzende Pracht in der Einkaufsmeile. Die Sterne unter der Glaskuppel schicken noch immer ihre schönsten Strahlen und Sandmann steht da wieder im Watteschnee, dieses geheimnisvolle Lächeln im Gesicht. Thomas hat schon die Münzen für den Parkautomaten in der Hand und will gerade vorbei gehen, als der Schlafrockmann ihm plötzlich zuzwinkert, und wieder und noch einmal. Es kam ihm sogar so vor, als hätte dabei die rote Zipfelmütze gewackelt und der sympathische Schelm noch ein wenig breiter gelächelt. 
"Du bist ja hartnäckig, Sandmann. Meinst du wirklich? Okay, du hast mich überzeugt. Weg mit den trüben Gedanken. Ja, ja, ich gehe schon zurück. Mit dem Polarnebeltraum werde ich mir einen gemütlichen Abend machen und erfahren, wie für einen Gestrandeten aus einem bitterkalten Winter ein neues Leben wird."

Samstag, 25. August 2018

33 coole Geschichten



INHALT

Wenn wir von Liebe reden ...7

Loser ...9

Er ist grün (Märchen)...13

Holly und die Second ...17

Destiny ...21

Das weiße Flackern ...24

New York, New York ...27

Mister Fitch ...33

Am Strand (Psycho) ...39

Neues Projekt (Beziehung) ...44

Lisa am See (Fantasy) ...49

Hammamunga (Fantasy) ...55

Tarnhose und Ramazotti ...57

Jans Vater ...60

Markus ...64

Novemberblues ...68

Sandmann ...72

Havanna (Psycho)...76

Trollbusters (Internetgeist) ...80

Ruhe gibt es nicht (Trauma) ...84

Sieben (Märchen) ...89

Hexenadvokat  (In einer kleinen Stadt  in der Nähe von Frankfurt am Main - 1597) ...97

Fliegen (In einer württembergischen Reichsstadt um 1770) ...108

Rebellen (Schubart und Schiller  auf der Festung Hohenasperg - 1782) ...114

Provençalische Leichtigkeit (Provencereise – 1844/1845) ...118

Rückreise auf der Route Napoléon (Durancetal und Col Bayard – Mai 1845) ...128

La Grande Chartreuse (Ausflug zum Kartäuserkloster bei Grenoble – Mai 1845)...132 

Predigt auf der Grotenburg (Wanderung zum Hermannsdenkmal bei Detmold – Pfingsten 1846) ...139

Revolution in Berlin (Theodor Althaus in Berlin nach dem 18. März 1848) ...148

Achtundvierziger (Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848) ...151

Malwida und die Märzgefallenen (Malwida von Meysenbug in Berlin – April 1852) ...157

Römischer Frühling (Romain Rolland besucht Malwida von Meysenbug  in Rom – Mai 1890) ...164

Grenzorte (Franz Kafka und Milena Jesenská in Gmünd - August 1920) ...169


versandkostenfrei bestellen bei Amazon:



oder signiert bei:

renatehupfeld(at)gmail.com


Montag, 15. August 2016

Wenn wir von Liebe reden






Auf dem Weg zu dir singe ich im Kopf das Kinderlied. Dabei sehe ich dich. Die Fröhlichkeit in deinem Gesicht. Dein Lachen. So viel Hunger nach Leben. Wie glücklich du aussiehst. So jung. Jung und hübsch. Die Zuversicht in deinen Augen, wenn du singst. Für mich. Ja, ich weiß, ich weiß es. Hab’s schon längst gesehen. Beeilen muss ich mich. Mach ich ja, bin schon an der Ecke.
Du siehst mich. Freust dich.
Ach du.
Heiß ist es heute. Erbarmungslos brennt die Sonne auf meine Rose. Ich bin ja gleich bei dir und bei meiner Rose, werde durch das Tor gehen und sofort nach links schauen, zu dir. Das mache ich immer. Heute werde ich erst zum Brunnen gehen, dann zu dir.
Verstehst du doch.
Ja klar. Bei dieser Hitze werde ich viele Male zum Brunnen gehen, immer hin und her mit der Gießkanne. Schau, ich hab uns eine gelbe gekauft, damit ich sie nicht verwechsle zwischen den grünen am Brunnen. Außerdem finde ich diese gelbe viel schöner. Du auch, das weiß ich. Sie gefällt dir. Und sie passt besser zu meiner Rose. Schon allein, weil sie so außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich wie du. Einzigartig wie du und wie sie, meine Rose. Dass ich so oft zwischen dir und dem Brunnen hin und her laufen muss, macht mir gar nichts aus. Meine Rose soll nicht dürsten. Sie soll ihre strahlende Farbe behalten und die herrlich glänzenden Blätter. Vor allem ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit. Wir wollen doch noch viel Freude an ihr haben.
Du siehst mich schon am Tor.
Ich gehe hindurch, geradeaus zum Brunnen. Du hättest die rosa Farbe gewählt, ich weiß. Rosa fand ich auch immer schön, früher. Doch jetzt gefällt mir das Rot besser.
Warum rot, fragst du, warum so rot, warum so dunkelrot?
Ich warte, bis der Schmerz ein wenig nachlässt. Das dauert. Ich kenne das schon. Es dauert immer so lange, bis die Stille kommt, die jede Bewegung erstarren lässt und jeden Laut erstickt. Knallrote Stille. Die mir die Tränen in die Augen treibt. Die mir fast den Atem nimmt. Eine Weile, bis ich einen kleinen Schritt mache, stehen bleibe, lange stehen bleibe, bis ich dann langsam weitergehe. Erst zum Brunnen und dann zu dir und zu meiner Rose. So rot.
Du weißt, was das bedeutet, das Rot. Diese fünf Buchstaben. Demnächst bringe ich auch das weiße Herz mit den fünf Buchstaben wieder mit.
Warum ich es weggenommen hatte, obwohl es dein Herz ist, weil ich es dir doch geschenkt habe, fragst du.
Das hab ich dir doch erklärt. Hier draußen ist es zu kalt im Winter. Ich will nicht, dass es in frostigen Nächten zerbricht. Dann hättest du auch nichts mehr davon. Deshalb habe ich es an einem warmen Platz gut geschützt aufbewahrt. Ich werde es wieder mitbringen und an den Sockel lehnen, neben meine Rose, nein, ein bisschen dahinter, weil die Rose, anders als das Herz, zum Sockel etwas Abstand braucht. Ja, ich arrangiere es schön aufrecht am Sockel, den goldenen Schriftzug ein wenig zum Himmel gerichtet, damit du immer sehen kannst, was da geschrieben steht. Fünf Buchstaben in Gold auf Weiß. Damit du immer erinnert wirst.
Weiß ich doch, sagst du. Wozu brauchst du die fünf Buchstaben auf Stein? Dich muss nichts erinnern, weil du es weißt. Weil sie immer da ist? Immer und überall ist sie da.
Schon richtig. Ich weiß das ja auch. Sie ist immer da, wie eine Brücke zwischen deiner Welt und meiner Welt. Und wenn ich es mir recht überlege, brauche ich das steinerne Herz mit den fünf Buchstaben auch nicht mehr. Ich habe doch dein Lied. 
Und dein Lachen. Und meine Rose.

Eine von 33 Geschichten aus:  Wenn wir von Liebe reden


Montag, 9. Februar 2015

Dienstag, 28. Oktober 2014

Römischer Frühling



Römischer Frühling
(Romain Rolland besucht Malwida von Meysenbug in Rom -  Mai 1890)

Schwarze Wolken verdunkelten den eben noch strahlend blauen Himmel über Rom. Frühlingsgewitter, schon seit Tagen. In seinem Kopf klang immer noch diese großartige Sonate nach, von Trauer und Hoffnung, von Unruhe und Aufbruch, Adagio Sostenuto. Beethoven. Seit seiner Kindheit begleiteten ihn die Schöpfungen dieses Genius und hatten ihm schon so oft Rettung aus seelischer Not gebracht.
Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen drei Blätter aus veilchenblauem Papier, darauf akkurate Zeilen in großer, klarer Schrift. Romain Rolland griff nach dem Brief und las: ‚leidenschaftliche Freundschaft…zunichte gewordene Illusion’. Malwida von Meysenbug hatte diese Worte geschrieben. Sie erwartete eine Erklärung. Ach, sie wusste ja nichts, seine Idealistin. Er war doch wie immer gewesen, mal schweigsam, mal gesprächig. Warum hatte sie plötzlich kein Vertrauen mehr zu ihm? Sie konnte ihm nichts vorwerfen. Nicht wegen des Klavierspiels war er in den vergangenen Tagen der Villa Mattei ferngeblieben. Es störte ihn nicht, wenn Donna Laura Minghetti bei Einladungen in ihren Salon ankündigte, Signore Rolland würde kommen und wieder spielen. Nein, am Piano kannte er keine Schüchternheit. Da hatte er nur die Kompositionen der großen Meister im Kopf und vergaß alles um sich herum.
Der Grund für sein Fernbleiben war ein anderer, aber das konnte sie nicht wissen. Konnte sie denn sehen, wie es in ihm loderte? Unmöglich, sein Geheimnis preiszugeben, es ging ja nicht um ihn allein. Sofia. Er konnte dieses wunderbare Mädchen nicht kompromittieren, zumal sie in ihrer jugendlichen Fröhlichkeit gar nichts ahnte von den Leiden eines törichten Verehrers. Dieses Feuer in seiner Brust. Würde sie es denn verstehen, die Verfasserin der ‚Memoiren einer Idealistin’? Andererseits, wer könnte die Flammen besser löschen, als sie, seine Freundin mit dem Weitblick nach einem langen, bewegten Leben? Nur, wollte er das überhaupt? Diese Leidenschaft fesselte ihn so sehr, dass er oft an nichts anderes mehr denken konnte. Aber war sie nicht auch eine Quelle seines Schaffens? Ein kleiner Roman von Liebe und Leidenschaft war in den vergangenen Wochen daraus erwachsen.
Er hatte ihr einen Antwortbrief geschrieben. Heute wollte er die Besuche in der Via della Polveriera endlich wieder aufnehmen und ihr bei dieser Gelegenheit seine Zeilen zukommen lassen. Wie wäre denn das vergangene halbe Jahr in Rom gewesen ohne seine liebe Freundin? Er konnte seinem Lehrer in Paris nicht genug danken dafür, dass er ihn dieser weitgereisten und belesenen Frau vorgestellt hatte. So ließ er Piano und Schreibtisch in dem kleinen Mansardenzimmer im Palazzo Farnese zurück und machte sich auf den Weg.
Richtig warm war es noch geworden an diesem Maitag. Die Sonne strahlte wieder, als hätte es die Wolken nie gegeben. Fräulein von Meysenbug erwartete ihn erst am frühen Abend, so konnte er gemächlich durch die Straßen und Gassen dieser unvergleichlichen Stadt schlendern, auf ihren einzigartigen Plätzen den Atem dieser Welt der Kunst und Poesie spüren. Dort oben auf dem Janiculum jenseits des Tiberflusses hatte er zum ersten Mal in seinem Leben sich selbst erlebt. Freiheit. Ungeheuren Schaffensdrang hatte er gefühlt und die Kraft abzuheben und zu fliegen, die ganze Menschheit unter sich mit all den herrlichen Geschöpfen aus uraltem Gestein, aus weißem Marmor und in wunderbaren Formen und Farben, uralt und so nah.
Neben dem Obelisken machte er Halt. Ein Löwe auf einem pyramidenförmigen Steinsockel schleuderte ihm einen dicken Wasserstrahl entgegen und ließ das kühle Nass unaufhörlich in ein rundes Becken strömen. Ein Kutscher tränkte hier gerade sein Pferd und Romain nahm die Gelegenheit wahr, sich die heiße Stirn zu kühlen, dankbar für den Reichtum dieser Stadt, die für jedermann Erquickung bereit hielt.
Auf dem Corso herrschte wieder reges Treiben. Hier gab es alles zu kaufen, was man sich erträumte, Lederbeutel und Bücher, Jacken und Hüte, Obst und Blumen. Alle Menschen waren fröhlich miteinander, ganz anders als in den nordischen Gegenden, wo manchem der Missmut im Gesicht geschrieben schien. Männer standen in Gruppen, redeten miteinander.
Und da. So ein liebes Gesicht. So wunderschöne braune Augen. Auf der Stufe vor einem Bäckerladen saß ein Mädchen, blickte verträumt in den blauen Himmel, das orangeblau karierte Schultertuch hatte es abgestreift und neben sich gelegt. Das Mädchen erinnerte ihn an Sofia. Doch Sofia würde niemals auf der Gasse sitzen und Kleidungsstücke ablegen. Wenn er es andererseits recht überlegte, mit einem Bäckermädchen wäre wohl einiges einfacher, als mit der Tochter eines Marquis. Um deren Hand könnte er ja doch niemals anhalten.
Fräulein von Meysenbug wohnte nun schon seit fünfzehn Jahren in der Via della Polveriera  am südlichen Rande der Stadt. Rom war nach Kassel, Detmold und London ihre Wahlheimat. Sie kannte sich dort bestens aus und war bei den Veranstaltungen der Kreise des Adels und der Kunst stets gern gesehen. Davon profitierte er, hatte sie ihm doch den Zugang zu den Salons und Parks ermöglicht, in denen sich das kulturelle Leben von Rom abspielte. Anfangs hatte er sich gewundert, dass sie in einem eher ärmlichen Viertel wohnte. Aber dann merkte er, dass sie umgeben war von den ältesten antiken Stätten, sowie dem gigantischen Kolosseum und Michelangelos Moses in der nahegelegenen Kirche. Das war eine andere Art von Reichtum.
Etwas beklommen war ihm zumute, als er die dunkle Treppe zum ersten Stock hinaufstieg, doch angenehm kühl war es hier. Kinder spielten und lärmten in der Art, wie Kinder es eben tun. Als die Haushälterin Trina ihm öffnete und er die große Diele betrat, empfand er ein herzliches Willkommen, fühlte sich sofort wie auf einer hellen Insel der Ruhe. Trina führte ihn zur Tür des Salons, klopfte und wartete auf das ‚Herein’.
„Signore Rolland“, sagte sie und die zierliche weißhaarige Frau auf dem Stuhl vor dem Sekretär drehte sich herum, erhob sich und kam mit für ihr fortgeschrittenes Alter sehr leichten Schritten auf ihn zu. Lange hielt sie seine Hände in den ihren und schaute ihn an mit ihren klaren Augen, die mehr als Worte sagten und alle Unsicherheit fortwehten.
„Sie sind ja noch schmaler geworden, junger Freund. Ich fürchte, Sie haben nicht genug gegessen in ihrem Studierzimmer. Soll Trina Ihnen erst einmal ein Sandwich machen?“
„Nein, nein, zu gütig“, sagte Romain eilig.
Sie schickte ihn mit einem Wink zum Kolosseumfenster, wo er seinen gewohnten Platz in der Sofaecke einnahm, und setzte sich ihm gegenüber in ihren Lehnsessel.
„Ich freue mich über Ihren Besuch, umso mehr, als doch meine Abreise nach Bad Ems und anschließend nach Versailles bevorsteht“, begann sie mit ihrer sanften Stimme. „Die Erinnerung an unsere gemeinsamen Unternehmungen hier in Rom und in der Umgebung ist viel zu kostbar, als dass wir uns mit einem Misston voneinander verabschieden sollten.“
Romain atmete auf. Sie hatte Recht. Er sah die Marmorbank am Ende der Eichenallee wieder vor sich, auf der sie gemeinsam gesessen hatten, dachte an den Spaziergang auf der Via Appia. Nicht zu vergessen die Kutschfahrt in die Campagne, Berge, Vulkanseen und wunderbare Natur. Vor allem aber dachte er an Abende wie diesen.
„Die Freude ist ganz meinerseits, verehrtes gnädiges Fräulein. Ich teile Ihre Gedanken über die Kostbarkeit unserer Freundschaft. Doch… Sie haben mir einen Brief geschickt, Ihre verlorene Illusion, Sie wünschen eine Erklärung“
„Weil ich mich um Ihre Zukunft sorgte, mein lieber junger Freund. Sehe ich doch für Ihren Weg die Ideale der Kunst, wir redeten darüber. Sie sind geschaffen für die Musik und die Dichtung.“
Ja, das war seine liebe Freundin, sie glaubte an das in ihm, was ihm das Wichtigste überhaupt war, wichtiger als Erfolg und Geld, seine Zukunft auf dem Gebiet der Kunst. Ihr Vertrauen in seine Schöpferkraft bestärkte ihn im Glauben an sich selbst und gab ihm Kraft, diesen sicherlich beschwerlichen Weg auf einsamen Pfaden allen anderen vorzuziehen.
 „Ich fühlte eine Disharmonie bei unseren Treffen“, fuhr Malwida fort, „dunkle Schatten sah ich in Ihrem Gesicht. Da fürchtete ich, diese Ideale, unsere Ideale, ja, diese Entwicklung Ihrer Begabungen könnte gestört werden.“
Alles, was er jetzt hätte erklären können, hatte er aufgeschrieben. Und dass er sie von ganzem Herzen liebte, konnte er ohnehin besser schreiben als sagen. Er fühlte das Briefkuvert in seiner Jackentasche. Ja, er liebte sie, seine Idealistin, die ihm nur Gutes getan hatte.
Ihr Blick wanderte zum Pianino. Romain verstand sofort. Er erhob sich,  ging ohne weitere Worte zum Schemel, setzte sich und klappte den Deckel auf. Dann fuhren seine Finger über die Tasten, langsam und schnell und füllten die Töne den Raum mit dem Zauber einer wunderbaren Welt aus Melodien.
Lange ließ er das Musikstück in sich ausklingen, dann klappte er den Deckel wieder zu und ging still zurück an seinen Platz.
Jedes Wort würde jetzt den Zauber zerstören. So saßen sie schweigend und jeder hatte seinen eigenen Traum.
Malwida träumte in ihre Vergangenheit, ein langes Leben, ausgefüllt mit allem, was ein Menschenherz bewegen konnte, mit Tragödien, aber auch mit großem Glück und dem unerschütterlichen Glauben an ihre Ideale, die alles Vergängliche überdauern würden.
Romain dagegen träumte von einer neuen Zeit, von einer Zukunft als ungestümer Schöpfer einer musikalischen Dichtung, wie eine Symphonie aus Tönen, einen musikalischen Roman sah er entstehen.

Es war Nacht geworden, als er sich zum Aufbruch bereit machte. Das Briefkuvert legte er der Freundin auf den Tisch, bevor er sich verabschiedete und durch die stillen Straßen der ewigen Stadt den Heimweg antrat. 

Erzählung aus der Sammlung: Wenn wir von Liebe reden


Sonntag, 30. März 2014

Lesung buchen?


Renate Hupfeld liest
coole Geschichten aus
Wenn wir von Liebe reden



und wird musikalisch begleitet
von Rafael Hupfeld 
mit Gitarre und Gesang


Kontakt:

Renate Hupfeld
Bankerheide 2
59065 Hamm
Tel. 02381 - 66 529
renatehupfeld(at)gmail.com


Rafael Hupfeld
Bachstraße 38
51063 Köln
Tel. 0221 - 64 30 99 86
rafael.hupfeld(at)gmail.com


Montag, 3. Februar 2014

Mister Fitch in Colonia









Wenn wir von Liebe reden ...7
Loser ...9
Er ist grün ...13
Holly und die Second ...17
Destiny ...21
Das weiße Flackern ...24
New York, New York ...27
Mister Fitch ...33
Am Strand ...39
Neues Projekt ...44
Lisa am See ...49
Hammamunga ...55
Tarnhose und Ramazotti ...57
Jans Vater ...60
Markus ...64
Novemberblues ...68
Sandmann ...72
Havanna ...76
Trollbusters ...80
Ruhe gibt es nicht ...84
Sieben ...89
Hexenadvokat  (In einer kleinen Stadt  in der Nähe von Frankfurt am Main - 1597) ...97
Fliegen (In einer württembergischen Reichsstadt um 1770) ...108
Rebellen (Schubart und Schiller  auf der Festung Hohenasperg - 1782) ...114
Provençalische Leichtigkeit (Provencereise – 1844/1845) ...118
Rückreise auf der Route Napoléon (Durancetal und Col Bayard – Mai 1845) ...128
La Grande Chartreuse (Ausflug zum Kartäuserkloster bei Grenoble – Mai 1845)...132 
Predigt auf der Grotenburg (Wanderung zum Hermannsdenkmal bei Detmold – Pfingsten 1846) ...139
Revolution in Berlin (Theodor Althaus in Berlin nach dem 18. März 1848) ...148
Achtundvierziger (Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848) ...151 
Malwida und die Märzgefallenen (Malwida von Meysenbug in Berlin – April 1852) ...157
Römischer Frühling (Romain Rolland besucht Malwida von Meysenbug  in Rom – Mai 1890) ...164
Grenzorte (Franz Kafka und Milena Jesenská in Gmünd - August 1920) ...169

Inhalt aus:

Wenn wir von Liebe reden (Taschenbuch (8,90 Euro und Kindle eBook 2,99 Euro)


Fotos:  Renate Hupfeld

Samstag, 14. September 2013

Werft sie in den Turm


Nach einem Winter mit Schnee und Frost bis in den Mai wehte endlich milde Frühlingsluft durch die offene Tür herein. Die Familie saß um den Holztisch herum, in der Mitte eine Schüssel Getreidebrei. Lautes Geplapper und helles Kinderlachen. Jeder schob mit dem Löffel seinen Anteil zu sich heran, der Vater den größten. Die Kleinen beeilten sich, damit sie auch genug bekamen. Peter saß auf Margreths Schoß. Er lutschte an einem Stück Brot und bekam von der Mutter ab und zu einen Löffel in den Mund geschoben. Gänse liefen herum, versuchten herunterfallende Brocken zu erhaschen.
Plötzlich sprang Margreth auf und setzte das Kind ihrer Ältesten auf den Schoß. Der Kleine begann jämmerlich zu weinen und streckte die Ärmchen nach ihr aus.
„Was ist los mit dir, Frau?“, fragte Bauer Feldmann.
„Schau doch da.“
Zwei Männer kamen durch das Feld auf das Haus zu. Margreth rannte zur Leiter, stieg hinauf und versteckte sich im Heu. Dazu hatte sie allen Grund, wurde sie doch von den Leuten im Dorf argwöhnisch beobachtet, seitdem Anna Faust in der peinlichen Befragung ausgesagt hatte, sie sei zusammen mit ihr beim Hexentanz gewesen.
Bauer ging zur Tür und wurde sofort heftig zur Seite geschubst.  Der Dorfbüttel war das. Der hastete an ihm vorbei und kletterte auf den Heuboden, wusste er doch, wo er zu suchen hatte.
„Wir haben Anweisung, deine Frau zum Schloss zu bringen“, sagte der Wirt, der nun auch hereingekommen war. „Das Hofgericht erwartet sie.“
„Aber …“
„Kein Aber, Mann. Sie ist der Zauberei verdächtig. Anweisung ist Anweisung.“
Peter schrie laut auf, als die Mutter nach draußen gestoßen wurde. Die hörte ihn noch lange weinen, als sie sich vom Haus entfernte. Auch ihr liefen die Tränen über das Gesicht. Zwischen den zwei Bewachern torkelte sie den weiten Weg über die Felder, durch das Stadttor und dann direkt zum Schloss.

Der Büttel schob sie in einen großen dunklen Raum mit braunen Butzenscheiben. Beim Hofmeister erstattete er Bericht. Der saß inmitten der vier Männer des Hofgerichts am Tisch auf einem Podest. Mit starren Mienen blickten sie herab auf die zitternde Frau.
„Margreth, Hans Feldmanns Frau, geboren vor dreiunddreißig Jahren. Warum hast du dich auf dem Heuboden versteckt, als der Dorfbüttel und der Wirt dich holen wollten?“,  begann der Hofmeister das Verhör.
„Wollte Futter für das Vieh holen.“
„Red keinen Unsinn. Was ist mit den Kühen des Schultheißen, von denen jedes Mal eine verendet ist, wenn du ihm zwischen das Vieh gelaufen bist?“
„Weiß nicht.“
„Und mit dem Pferd vom Brückenschmied, das rasend geworden und über die Stalltür gesprungen ist, weil du es verzaubert hast?“
„Kann nicht zaubern.“
„Dann willst du wohl auch abstreiten, dass du deiner Tochter Magdalene das Zaubern beigebracht hast?“
„Sag doch, ich kann nicht zaubern.“
„Warum hast du dann im Feld zu ihr gesagt, wenn du gewusst hättest, wie man mit den Zauberischen umgeht, würde sie das Zaubern nie von dir gelernt haben?“
„Hab ich nicht.“
„Der Sauhirt hat’s gehört.“
„Der Sauhirt ist ein Lügner“, sagte Margret.
„Überleg dir gut, was du sagst. Wie erklärst du dir, dass die Anna Faust behauptet, ihr wärt zusammen beim Hexentanz gewesen?“
„War nie beim Hexentanz.“
„Beantworte meine Frage.“
„Hat einen Zorn auf mich gehabt.“
„Und warum hat diese Hexe bis zu ihrem Tod auf dem Scheiterhaufen behauptet, du seiest dabei gewesen beim Tanz mit dem Satan?“
„Weiß nicht warum.“
„Dir soll schon noch was einfallen“, schimpfte der Mann und winkte den Büttel herbei. „Werft sie in den Turm.“

*

Im Pfarrhaus hatte die Winterkälte die Mauern noch nicht ganz verlassen. Dorothea hatte die Dienstmagd angewiesen, den Kachelofen anzuheizen. Er verbreitete eine wohlige Wärme in Stube und Arbeitszimmer. Johannes wollte seine Predigt für den nächsten Sonntag vorbereiten. Er saß an seinem Schreibtisch aus dunklem Holz und schaute hinaus auf den Marktplatz. Rechts die Kirche, gegenüber das Schloss.
Zwei Jahre war es jetzt schon her, seit der Graf ihn in die Stadt geholt hatte, um den Menschen die reformierte Lehre zu predigen. Jedoch hatte er sich die Arbeit als Pfarrer an diesem Ort nicht so schwierig vorgestellt. Was sollte er den Menschen predigen, da sie gerade mit Mühe und Not den langen Winter überstanden hatten? Nach einem kalten verregneten Sommer mit nachfolgenden Missernten hatten sie nicht genug zu essen und große Mühe, Futter für die Tiere aufzutreiben. So machte ihnen auch das Viehsterben zu schaffen. Und auf die neue Ernte mussten sie nun erst einmal lange warten. Wo war der barmherzige Gott, fragten sie sich. Konnte er das den Menschen verdenken? Sie litten bitterste Not.
An diesem Tage fiel es Pfarrer Johannes besonders schwer, seine Gedanken für die Predigt zu ordnen. Seitdem sie Margreth Feldmann wegen Hexerei in den Turm gebracht hatten, schlief er kaum eine Nacht. Sie schreckten doch vor nichts zurück. Bilder aus seiner Kindheit ließen ihn nicht los. Dichtes Gedränge auf dem Marktplatz. Eine junge Frau mit zerzausten Haaren, festgebunden auf einem Karren. Das Gegröle der Leute. ‚Hexe mit ihrer Teufelsbrut’ und ‚Brennen muss sie’. Als der Karren ganz nah an ihm vorbei holperte, sah er, dass sie schwanger war. Mit unermesslicher Trauer im Gesicht blickte die Frau ihn an.
Nun war er ein erwachsener Mann und noch immer waren diese schrecklichen Geschehnisse weit verbreitet. Gerade vor einigen Tagen hatte man Anna Faust mit großem Spektakel auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Wie kam es nur, dass die Menschen einander derartige Grausamkeiten zufügten? Nirgendwo in der Bibel stand, dass sie das tun sollten. Und in diesem Buch kannte er sich bestens aus. Es lag vor ihm, die wichtige Stelle für die Sonntagspredigt bereits aufgeschlagen: Tut Ehre jedermann, habt die Brüder lieb, fürchtet Gott und ehret den König.
Hört nicht auf Verleumdungen und Lügen, würde er den Menschen predigen. Manche wollen ihren Mitmenschen schaden mit üblem Gerede und falschen Anschuldigungen. Verurteilt niemanden zu Unrecht. Du sollst kein falsches Zeugnis geben, spricht der Herr. Glaubt nicht alles, was die anderen über jemanden erzählen. Guckt euren Nächsten an und ihr werdet sehen, er ist wie ihr. Die Wahrheit findet ihr in seinem Gesicht und nicht in den bösen Worten mancher Lügner. Die haben nichts anderes im Sinn, als den Sonnenschein zu verdunkeln. Sie sollen daran denken, dass sie dabei auch sich selbst das Licht wegnehmen.
„Du solltest eine Pause machen, Johannes.“ Dorothea stand in der Tür.
„Ist es schon so weit, Frau?“
„Zeit zum Abendessen. Ich kann jetzt auch eine Mahlzeit gut vertragen, hab ich doch zusammen mit Agnes den ganzen Nachmittag im Pfarrgarten die Erde gelockert.“
„Ja, das schöne Frühlingswetter, jetzt muss man den Boden vorbereiten. Pass nur auf, dass du dich nicht übernimmst.“
„Morgen werden wir mit der Aussaat beginnen. Dann komm jetzt herüber, Johannes.“

*

Der Mond schien in die Kammer. Dorothea saß im Bett und schaute zu ihrem Mann. Sie war aufgewacht, weil der sich unruhig hin- und herwälzte.
„Kannst du nicht schlafen?“
„Ich denke die ganze Zeit an die Frau von Bauer Feldmann. Vor einigen Tagen haben sie sie in den Turm gebracht.“

„Eine Zauberische, sagen sie auf dem Marktplatz. Das Vieh vom Brückenschmied und vom Schulzheißen hat sie tot gezaubert.“

[...]