Dienstag, 12. Februar 2019

Holly und die Second


Pastor Sundermeier meint es ja gut, doch er kann mir nicht helfen. Was versteht der schon? Überlege dir gut, was du tust, Holly, hat er gesagt.
Da ist nichts mehr zu überlegen, Herr Pastor. Ich habe mir das gut überlegt und alles bestens vorbereitet. Es gibt keinen anderen Weg. Ich habe getan, was ich konnte. Immer treu zu ihm gehalten, ihm aus der Patsche geholfen, als er den Job verloren hatte, mich um den ganzen Scheiß in Haus und Garten gekümmert, geputzt, gewaschen, eingekauft, gekocht, jeden Morgen seine Sachen weggeräumt, Schuhe im Wohnzimmer eingesammelt, in den Schuhschrank gepackt, seine Hemden gebügelt, Socken sortiert wie blöde. Wie er es wollte. So, wie es sich gehört. Selbst diese neuen Boxershorts hab ich fein zusammengelegt. Mehr geht nicht.
Was Manfred dazu sagt?
Nichts. Gar nichts. Wie denn auch? Midlife ist angesagt.
Verstehst du nicht?
Dachte ich mir. Mitternacht ist längst vorbei und der ist immer noch nicht in seinem Bett. Das ist Midlife.
Wo er ist?
Fitnessstudio oder Tennis, was weiß ich denn? Mich geht das doch nichts an, sagt er, und schon gar nicht seine Geschäftsreisen. München, Hamburg, Berlin und Frankfurt. Ein ganz neues Outfit und Duftwasser hat er sich zugelegt, Hemden nicht mehr von P & C, sondern von diesem Laden in der MyZeil. Der stellt sich doch tatsächlich mit den Kids vor den Eingang mit den Sixpack Beachboys, um sich das Zeug zu beschaffen. Was sagst du dazu, Pastorchen? Fast fünfzig Jahre alt und wartet geduldig in der Schlange, wo allerhöchstens mal Papas für ihre Kleinen Mitbringsel besorgen, zum Beispiel T-Shirts oder Hemden mit diesem Label. Frei wie ein Vogel. So weit ist es mit ihm gekommen.
MyZeil kennst du nicht?
Woher auch? Macht ja nichts.
Neuerdings zieht es ihn auch in Diskotheken. Wahrscheinlich nicht alleine. Interessiert mich gar nicht, mit wem er sein Spielchen treibt. Mit mir jedenfalls nicht mehr.
Meine Phantasie geht mit mir durch?
Stimmt, geht sie, doch anders, als du es dir vorstellen kannst.
Durststrecke im Leben? Gute und schlechte Tage?
Hör auf mit diesem Durchhaltequatsch, kleiner Pastor. Du machst es dir einfach, stellst dich auf die Kanzel und schaust in fromme Gesichter. Nichts gegen deine Predigten, doch die sind in den Wind gesprochen. Du hörst auch nicht, wie sie übereinander herziehen, hinterher, wenn sie das Gotteshaus verlassen, wo du Nächstenliebe predigst. Wer weiß, was sie über mich reden. Und weißt du, was mir klar geworden ist? Am Sonntag in der Kirchenbank knien und in das ewige Licht glotzen bringt mir nichts.
Glotzen ist zu heftig?
Na gut, nehme ich zurück. Verklärt gucken trifft es auch. Ich jedenfalls nicht mehr. Und was ich dir schon immer sagen wollte: Dein Landfrauenverein ist nicht meine Welt. Radeln für einen guten Zweck hört sich zwar als Aufhänger im Blättchen gut an, doch das geht auch ohne mich. Und Kuchen backen für den Missionsbasar können sowieso andere besser. Ich bin keine Landfrau.
Vermitteln willst du, mit Manfred reden, ihn fragen, warum er in der Gegend herumturnt, anstatt in seinem Hause bei Holly?
Vergiss es. Ich habe gearbeitet, wird er dir antworten. Lügen, alles Lügen. Frag ihn lieber, warum er sich diesen verdammten Stress macht.
Du findest ihn ganz nett und glaubst ihm, dass er viel Arbeit hat?
Eigenartig. Alle, die ihn nicht kennen, finden ihn okay und charmant. Naiv bist du, Sundermeier, kannst dir nicht vorstellen, dass er das Graue vom Himmel runterlügt. Was verstehst du von Midlife?
Jetzt schweigst du.
Es kommt noch schlimmer. Mit mir hat das nichts zu tun, hat der gesagt. Knaller, findest du nicht? Um sein Leben geht es, um nichts anderes. Das fließt ihm unter den Händen weg. Und er hat nur eins. Ja, ja. Leben will er endlich. Mit mir hat das gar nichts zu tun. Was sagst du dazu?
Ich soll nicht zynisch werden? Warum fragst du nicht, warum ich diesen Schwachsinn jahrelang ertragen habe? Ich bin nicht zynisch, nur entschlossen. Weißt du, was das heißt, Pastorchen? Ich hab auch nur ein Leben. Stell dir vor: Mit dem mach ich, was ich will.
Trotzdem noch ein Gespräch versuchen?
Mach dich nicht lächerlich. Was glaubst du denn, wie viele Stunden ich am Fenster auf diesen Nichtsnutz gewartet habe? Und wie viele Seiten meine dicke Chinakladde dabei ertragen musste? Aus und vorbei. Ich weiß, was ich zu tun habe.
Nicht alles wegschmeißen? Ich könnte es bereuen?
Was denn? Wo nichts ist, kann ich nichts wegschmeißen und da gibt’s auch nichts zu bereuen. Und komm mir nicht mit Gottvertrauen. Den geht das schon mal gar nichts an. Der soll sich raushalten aus meinem Leben. Okay?
Der wird die Sache schon in die richtige Bahn lenken, meinst du?
Ha! Ha! Du bist ja hartnäckig. Das sehe ich wie die Courage. ‚Der Mensch denkt: Gott lenkt.’ Doppelpunkt anstatt Komma zwischen ‚denkt’ und ‚Gott’. Selbst die Dinge in die Hand nehmen, denn von ‚Gott lenkt’ kann keine Rede sein, sagt sie, die weise Courage.
Nie gehört? Brecht kennst du nicht? Auch gut.
Bis der Tod …?
Das musste ja jetzt noch kommen, wusste ich es doch. Dein letzter Trumpf. Du ziehst aber auch alle Register. Mir ist schon klar, was du damit meinst. Ich weiß, was ich zu tun habe, bin frei wie ein Vogel.
Du wirst für mich beten?
Wohlmöglich sogar in der Kirche. Ich höre sie schon tuscheln.
Die kleine Holly aus dem Neubargebiet wirst du vermissen?
Ach, du bist ja süß. Ich dich auch. Good bye, Meierchen. Mein Taxio steht vor der Tür. Bei Sonnenaufgang werde ich im Flieger sitzen, sieben Stunden später in der U-Bahn nach Upper Midtown Manhattan und zum Frühstück bei Starbucks auf der Second.

Dienstag, 11. Dezember 2018

Weihnachtsgeschichte: Sandmann


Im Watteschnee neben dem Automaten für die Parkgebühren steht Sandmann mit seiner roten Zipfelmütze. Er trägt einen Sternenschlafrock in seidigem Dunkelblau und  hat ein zauberhaftes Lächeln aufgesetzt. In der Hand hält er ein langes goldenes Fernrohr, durch das er hinauf schaut zu den Sternen, um zu prüfen, ob die Engel sie  ordentlich geputzt haben. Ja, sie funkeln prächtig, denn bald ist Weihnachten. Das Einkaufscenter hat sich wieder in ein Fantasieland verwandelt mit Märchenfiguren und leuchtenden Kugeln an Tannenbäumen in Rot und Gold.  Von der Rolltreppe aus kann Thomas das schon sehen. Die bringt ihn vom Parkdeck hinunter direkt zu Peterchen und Anneliese in ihrer Kinderstube, der Junge im blauen, die kleine Schwester im rosa Nachthemd, bereit für die abenteuerlichsten Träume. Die kommen auch sofort, denn schon ein paar Meter weiter beginnt die tollkühne Reise zum höchsten Mondberg. Auf Sandmanns Schlitten schweben die zwei Kinder über die Milchstraße. 
Diese Märchenszenen wecken Erinnerungen. Thomas denkt an die Zeit, als Sarah noch ein kleines Mädchen war und er ihr abends vor dem Schlafengehen Geschichten vorgelesen hat. Auch die von der abenteuerlichen Mondfahrt auf der Suche nach dem verlorenen Beinchen von Maikäfer Sumsemann. Traurige Gedanken sind das, denn er hat sein Kind schon seit langer Zeit nicht mehr gesehen. Auch in diesem Jahr ist er wieder auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für Sarah. Wenn er sie schon nicht sehen kann, will er ihr wenigstens etwas schenken, worüber sie sich freut. Das ist schwierig. Wahrscheinlich wird es wieder genau so sein wie im letzten Jahr und an ihrem Geburtstag und überhaupt seit vielen Jahren. Sarah ignoriert seine Geschenke. Er muss damit rechnen, dass sie ihm auch diesmal wieder nicht antwortet. Was soll er tun? Hat er denn gar keine Chance? Denkt sie gar nicht mehr an ihren Papa? Am Ende macht sie sich noch lustig über seine vergeblichen Bemühungen. Hat er denn alles falsch gemacht? Nein, es kann nicht alles umsonst gewesen sein. Er gibt die Hoffnung nicht auf. Niemals. Sarah ist und bleibt sein Kind.
Die drei Abenteurer haben nach einem Besuch im Schloss der Nachtfee die silberne Mondkanone erreicht. Jetzt kommt der spannende Moment. Peter hat eine schwierige Aufgabe. Er wird auf den Gipfel des höchsten Mondberges geschossen, um das Maikäferbein zu holen.  Könnte Sarah das doch hier sehen, könnten sie sich das zusammen anschauen. Wie hatte sie gebangt und gehofft, dass alles gut ging auf der gefährlichen  Reise in die unbekannte Welt und dass Peter die Rettung gelingen würde. Nie bekam sie genug von diesem aufregenden Abenteuer. Bis feiner silberner Sand aus Sandmanns Pusterohr in ihre Augen rieselte und sie in seinem Arm einschlief. Thomas wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. 
Vor den Auslagen des Juwelierladens bleibt er kurz stehen. Sein kleines Mädchen hatte eine Vorliebe für alles, was glitzerte und glänzte, wie das Armband mit den goldenen Tierfigürchen. Und jetzt? Er weiß nicht einmal, wie Sarah  jetzt aussieht. Auf der Weihnachtswiese sind die schönsten Spielzeuge aufgebaut, Puppen, Trommeln, Autos und Bilderbücher wie  Blumen im Watteschnee. Ja, das hätte ihr gefallen. Wie einfach war es doch, als sie sich noch eine Puppe wünschte. Die mit den langen blonden Zöpfen wäre genau die  Richtige für sie gewesen. Ach, und die schönen Bilderbücher. Sie hätte „Lauras Stern" ausgesucht. 
Und wovon träumt eine Fünfzehnjährige? 
Die letzte Rettung ist mal wieder der Buchladen. Da könnte er auch diesmal etwas für seine Tochter finden. Das vielfältige Angebot an Jugendbüchern ist schon fast verwirrend. Käme vielleicht „Tintenherz“ in Frage? Oder "Der Herr der Finsternis"? Steht Sarah auf Fantasie? Alles nicht das Wahre. Er weiß ja gar nicht, ob sie diese Bücher bereits hat. Vielleicht hatte seine Tochter sogar schon einen "Höllenflirt". Doch zu dem Thema etwas Passendes zu finden, ist wohl aussichtslos. Damit könnte er nur ins Fettnäpfchen treten. 
Ein Buchcover hatte er gleich beim Reinkommen auf einem der Tische entdeckt. Es gefällt ihm von allen am besten. Eine geheimnisvolle Landschaft ist da abgebildet, schön gestaltet in warmen Grüntönen im Kontrast zum Blau von Meer und Himmel. Das Bild vermittelt ein seltsam schönes Licht, wie er es manchmal auf Fotos von Polarlichtern gesehen hat.  Und wie gut der Titel passt: „Traum im Polarnebel". Juri Rytchëu hat die Geschichte geschrieben. Ein seltsamer Name. Von dem Autor hat er noch nie gehört, „Sohn eines Jägers in der Siedlung Uelen auf der Ttuktschenhalbinsel im äußersten Nordosten Sibiriens“. Der Text wurde aus dem Russischen übersetzt. Er betrachtet das Buch von allen Seiten. Es sieht nicht nur gut aus, die Informationen zu Autor und Inhalt hören sich auch sehr viel versprechend an. Ein Mann strandet im Eismeer und wird im Hundeschlitten zu einer Schamanin gebracht. Es wird eine harte Zeit in der eisigen Tundra, die härteste, die er jemals erlebt hat. Von Rettung ist die Rede und es wird ein hoffnungsvolles Ende in Aussicht gestellt. „Aus einem Winter wird ein ganzes Leben“, heißt es im Klappentext.
Das Buch gefällt ihm sehr. Am liebsten würde er es gar nicht mehr aus der Hand legen. Er schaut noch einmal auf das Coverbild. Es könnte auch Sarah gefallen. Die passende Weihnachtskarte wird er noch aussuchen. Eine endlos  weite Winterlandschaft stellt er sich vor, in der Ferne ein Häuschen mit rauchendem Schornstein und kleinen hell erleuchteten Fenstern. Dazu wird er ihr ein paar Zeilen schreiben, ihr erklären, warum er diese Geschichte für sie ausgesucht hat. Vielleicht so: 'Liebe Sarah, lange habe ich nach einem Geschenk für dich gesucht. Erinnerst du dich an den Sandmann und Peterchens Mondfahrt? Weißt du noch, wie wir beiden zusammen mit Peter und Anneliese auf Sandmanns Schlitten über die Milchstraße zum Mond gereist sind, um dem armen Maikäfer zu helfen? Ich habe eine Geschichte gefunden, die dich auch in eine andere Welt entführt, wo auch jemandem geholfen wird. Ich dachte, das könnte etwas für dich sein. Doch ich weiß nicht so recht, was du jetzt gerne liest. Weißt du, wenn Weihnachten naht, ist das immer so seltsam mit mir und mit dir. Weißt du? Ach, ich weiß selber nicht.' Tränen verwischen die Konturen der dunkelgrünen Hügel mit dem Blau des Polarhimmels.
Nein, das bringt nichts. 
Er legt das Buch zurück. 
Auf dem Weg zur Rolltreppe bleibt er noch kurz bei den zwei kleinen Abenteurern stehen. Peter und seine Schwester sind nach gelungener Rettung des sechsten Maikäferbeinchens wieder daheim. Sumsemann spielt auf der Geige eine wunderschöne Melodie, begleitet von tausend und abertausend feinen Silberglöckchen. 
Während der Fahrt nach oben zum Parkdeck schwenkt er noch einmal den Blick über die üppig  glänzende Pracht in der Einkaufsmeile. Die Sterne unter der Glaskuppel schicken noch immer ihre schönsten Strahlen und Sandmann steht da wieder im Watteschnee, dieses geheimnisvolle Lächeln im Gesicht. Thomas hat schon die Münzen für den Parkautomaten in der Hand und will gerade vorbei gehen, als der Schlafrockmann ihm plötzlich zuzwinkert, und wieder und noch einmal. Es kam ihm sogar so vor, als hätte dabei die rote Zipfelmütze gewackelt und der sympathische Schelm noch ein wenig breiter gelächelt. 
"Du bist ja hartnäckig, Sandmann. Meinst du wirklich? Okay, du hast mich überzeugt. Weg mit den trüben Gedanken. Ja, ja, ich gehe schon zurück. Mit dem Polarnebeltraum werde ich mir einen gemütlichen Abend machen und erfahren, wie für einen Gestrandeten aus einem bitterkalten Winter ein neues Leben wird."

Samstag, 25. August 2018

33 coole Geschichten



INHALT

Wenn wir von Liebe reden ...7

Loser ...9

Er ist grün (Märchen)...13

Holly und die Second ...17

Destiny ...21

Das weiße Flackern ...24

New York, New York ...27

Mister Fitch ...33

Am Strand (Psycho) ...39

Neues Projekt (Beziehung) ...44

Lisa am See (Fantasy) ...49

Hammamunga (Fantasy) ...55

Tarnhose und Ramazotti ...57

Jans Vater ...60

Markus ...64

Novemberblues ...68

Sandmann ...72

Havanna (Psycho)...76

Trollbusters (Internetgeist) ...80

Ruhe gibt es nicht (Trauma) ...84

Sieben (Märchen) ...89

Hexenadvokat  (In einer kleinen Stadt  in der Nähe von Frankfurt am Main - 1597) ...97

Fliegen (In einer württembergischen Reichsstadt um 1770) ...108

Rebellen (Schubart und Schiller  auf der Festung Hohenasperg - 1782) ...114

Provençalische Leichtigkeit (Provencereise – 1844/1845) ...118

Rückreise auf der Route Napoléon (Durancetal und Col Bayard – Mai 1845) ...128

La Grande Chartreuse (Ausflug zum Kartäuserkloster bei Grenoble – Mai 1845)...132 

Predigt auf der Grotenburg (Wanderung zum Hermannsdenkmal bei Detmold – Pfingsten 1846) ...139

Revolution in Berlin (Theodor Althaus in Berlin nach dem 18. März 1848) ...148

Achtundvierziger (Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848) ...151

Malwida und die Märzgefallenen (Malwida von Meysenbug in Berlin – April 1852) ...157

Römischer Frühling (Romain Rolland besucht Malwida von Meysenbug  in Rom – Mai 1890) ...164

Grenzorte (Franz Kafka und Milena Jesenská in Gmünd - August 1920) ...169


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Montag, 15. August 2016

Wenn wir von Liebe reden






Auf dem Weg zu dir singe ich im Kopf das Kinderlied. Dabei sehe ich dich. Die Fröhlichkeit in deinem Gesicht. Dein Lachen. So viel Hunger nach Leben. Wie glücklich du aussiehst. So jung. Jung und hübsch. Die Zuversicht in deinen Augen, wenn du singst. Für mich. Ja, ich weiß, ich weiß es. Hab’s schon längst gesehen. Beeilen muss ich mich. Mach ich ja, bin schon an der Ecke.
Du siehst mich. Freust dich.
Ach du.
Heiß ist es heute. Erbarmungslos brennt die Sonne auf meine Rose. Ich bin ja gleich bei dir und bei meiner Rose, werde durch das Tor gehen und sofort nach links schauen, zu dir. Das mache ich immer. Heute werde ich erst zum Brunnen gehen, dann zu dir.
Verstehst du doch.
Ja klar. Bei dieser Hitze werde ich viele Male zum Brunnen gehen, immer hin und her mit der Gießkanne. Schau, ich hab uns eine gelbe gekauft, damit ich sie nicht verwechsle zwischen den grünen am Brunnen. Außerdem finde ich diese gelbe viel schöner. Du auch, das weiß ich. Sie gefällt dir. Und sie passt besser zu meiner Rose. Schon allein, weil sie so außergewöhnlich ist. Außergewöhnlich wie du. Einzigartig wie du und wie sie, meine Rose. Dass ich so oft zwischen dir und dem Brunnen hin und her laufen muss, macht mir gar nichts aus. Meine Rose soll nicht dürsten. Sie soll ihre strahlende Farbe behalten und die herrlich glänzenden Blätter. Vor allem ihr Lachen und ihre Fröhlichkeit. Wir wollen doch noch viel Freude an ihr haben.
Du siehst mich schon am Tor.
Ich gehe hindurch, geradeaus zum Brunnen. Du hättest die rosa Farbe gewählt, ich weiß. Rosa fand ich auch immer schön, früher. Doch jetzt gefällt mir das Rot besser.
Warum rot, fragst du, warum so rot, warum so dunkelrot?
Ich warte, bis der Schmerz ein wenig nachlässt. Das dauert. Ich kenne das schon. Es dauert immer so lange, bis die Stille kommt, die jede Bewegung erstarren lässt und jeden Laut erstickt. Knallrote Stille. Die mir die Tränen in die Augen treibt. Die mir fast den Atem nimmt. Eine Weile, bis ich einen kleinen Schritt mache, stehen bleibe, lange stehen bleibe, bis ich dann langsam weitergehe. Erst zum Brunnen und dann zu dir und zu meiner Rose. So rot.
Du weißt, was das bedeutet, das Rot. Diese fünf Buchstaben. Demnächst bringe ich auch das weiße Herz mit den fünf Buchstaben wieder mit.
Warum ich es weggenommen hatte, obwohl es dein Herz ist, weil ich es dir doch geschenkt habe, fragst du.
Das hab ich dir doch erklärt. Hier draußen ist es zu kalt im Winter. Ich will nicht, dass es in frostigen Nächten zerbricht. Dann hättest du auch nichts mehr davon. Deshalb habe ich es an einem warmen Platz gut geschützt aufbewahrt. Ich werde es wieder mitbringen und an den Sockel lehnen, neben meine Rose, nein, ein bisschen dahinter, weil die Rose, anders als das Herz, zum Sockel etwas Abstand braucht. Ja, ich arrangiere es schön aufrecht am Sockel, den goldenen Schriftzug ein wenig zum Himmel gerichtet, damit du immer sehen kannst, was da geschrieben steht. Fünf Buchstaben in Gold auf Weiß. Damit du immer erinnert wirst.
Weiß ich doch, sagst du. Wozu brauchst du die fünf Buchstaben auf Stein? Dich muss nichts erinnern, weil du es weißt. Weil sie immer da ist? Immer und überall ist sie da.
Schon richtig. Ich weiß das ja auch. Sie ist immer da, wie eine Brücke zwischen deiner Welt und meiner Welt. Und wenn ich es mir recht überlege, brauche ich das steinerne Herz mit den fünf Buchstaben auch nicht mehr. Ich habe doch dein Lied. 
Und dein Lachen. Und meine Rose.

Eine von 33 Geschichten aus:  Wenn wir von Liebe reden


Montag, 9. Februar 2015

Dienstag, 28. Oktober 2014

Römischer Frühling



Römischer Frühling
(Romain Rolland besucht Malwida von Meysenbug in Rom -  Mai 1890)

Schwarze Wolken verdunkelten den eben noch strahlend blauen Himmel über Rom. Frühlingsgewitter, schon seit Tagen. In seinem Kopf klang immer noch diese großartige Sonate nach, von Trauer und Hoffnung, von Unruhe und Aufbruch, Adagio Sostenuto. Beethoven. Seit seiner Kindheit begleiteten ihn die Schöpfungen dieses Genius und hatten ihm schon so oft Rettung aus seelischer Not gebracht.
Vor ihm auf dem Schreibtisch lagen drei Blätter aus veilchenblauem Papier, darauf akkurate Zeilen in großer, klarer Schrift. Romain Rolland griff nach dem Brief und las: ‚leidenschaftliche Freundschaft…zunichte gewordene Illusion’. Malwida von Meysenbug hatte diese Worte geschrieben. Sie erwartete eine Erklärung. Ach, sie wusste ja nichts, seine Idealistin. Er war doch wie immer gewesen, mal schweigsam, mal gesprächig. Warum hatte sie plötzlich kein Vertrauen mehr zu ihm? Sie konnte ihm nichts vorwerfen. Nicht wegen des Klavierspiels war er in den vergangenen Tagen der Villa Mattei ferngeblieben. Es störte ihn nicht, wenn Donna Laura Minghetti bei Einladungen in ihren Salon ankündigte, Signore Rolland würde kommen und wieder spielen. Nein, am Piano kannte er keine Schüchternheit. Da hatte er nur die Kompositionen der großen Meister im Kopf und vergaß alles um sich herum.
Der Grund für sein Fernbleiben war ein anderer, aber das konnte sie nicht wissen. Konnte sie denn sehen, wie es in ihm loderte? Unmöglich, sein Geheimnis preiszugeben, es ging ja nicht um ihn allein. Sofia. Er konnte dieses wunderbare Mädchen nicht kompromittieren, zumal sie in ihrer jugendlichen Fröhlichkeit gar nichts ahnte von den Leiden eines törichten Verehrers. Dieses Feuer in seiner Brust. Würde sie es denn verstehen, die Verfasserin der ‚Memoiren einer Idealistin’? Andererseits, wer könnte die Flammen besser löschen, als sie, seine Freundin mit dem Weitblick nach einem langen, bewegten Leben? Nur, wollte er das überhaupt? Diese Leidenschaft fesselte ihn so sehr, dass er oft an nichts anderes mehr denken konnte. Aber war sie nicht auch eine Quelle seines Schaffens? Ein kleiner Roman von Liebe und Leidenschaft war in den vergangenen Wochen daraus erwachsen.
Er hatte ihr einen Antwortbrief geschrieben. Heute wollte er die Besuche in der Via della Polveriera endlich wieder aufnehmen und ihr bei dieser Gelegenheit seine Zeilen zukommen lassen. Wie wäre denn das vergangene halbe Jahr in Rom gewesen ohne seine liebe Freundin? Er konnte seinem Lehrer in Paris nicht genug danken dafür, dass er ihn dieser weitgereisten und belesenen Frau vorgestellt hatte. So ließ er Piano und Schreibtisch in dem kleinen Mansardenzimmer im Palazzo Farnese zurück und machte sich auf den Weg.
Richtig warm war es noch geworden an diesem Maitag. Die Sonne strahlte wieder, als hätte es die Wolken nie gegeben. Fräulein von Meysenbug erwartete ihn erst am frühen Abend, so konnte er gemächlich durch die Straßen und Gassen dieser unvergleichlichen Stadt schlendern, auf ihren einzigartigen Plätzen den Atem dieser Welt der Kunst und Poesie spüren. Dort oben auf dem Janiculum jenseits des Tiberflusses hatte er zum ersten Mal in seinem Leben sich selbst erlebt. Freiheit. Ungeheuren Schaffensdrang hatte er gefühlt und die Kraft abzuheben und zu fliegen, die ganze Menschheit unter sich mit all den herrlichen Geschöpfen aus uraltem Gestein, aus weißem Marmor und in wunderbaren Formen und Farben, uralt und so nah.
Neben dem Obelisken machte er Halt. Ein Löwe auf einem pyramidenförmigen Steinsockel schleuderte ihm einen dicken Wasserstrahl entgegen und ließ das kühle Nass unaufhörlich in ein rundes Becken strömen. Ein Kutscher tränkte hier gerade sein Pferd und Romain nahm die Gelegenheit wahr, sich die heiße Stirn zu kühlen, dankbar für den Reichtum dieser Stadt, die für jedermann Erquickung bereit hielt.
Auf dem Corso herrschte wieder reges Treiben. Hier gab es alles zu kaufen, was man sich erträumte, Lederbeutel und Bücher, Jacken und Hüte, Obst und Blumen. Alle Menschen waren fröhlich miteinander, ganz anders als in den nordischen Gegenden, wo manchem der Missmut im Gesicht geschrieben schien. Männer standen in Gruppen, redeten miteinander.
Und da. So ein liebes Gesicht. So wunderschöne braune Augen. Auf der Stufe vor einem Bäckerladen saß ein Mädchen, blickte verträumt in den blauen Himmel, das orangeblau karierte Schultertuch hatte es abgestreift und neben sich gelegt. Das Mädchen erinnerte ihn an Sofia. Doch Sofia würde niemals auf der Gasse sitzen und Kleidungsstücke ablegen. Wenn er es andererseits recht überlegte, mit einem Bäckermädchen wäre wohl einiges einfacher, als mit der Tochter eines Marquis. Um deren Hand könnte er ja doch niemals anhalten.
Fräulein von Meysenbug wohnte nun schon seit fünfzehn Jahren in der Via della Polveriera  am südlichen Rande der Stadt. Rom war nach Kassel, Detmold und London ihre Wahlheimat. Sie kannte sich dort bestens aus und war bei den Veranstaltungen der Kreise des Adels und der Kunst stets gern gesehen. Davon profitierte er, hatte sie ihm doch den Zugang zu den Salons und Parks ermöglicht, in denen sich das kulturelle Leben von Rom abspielte. Anfangs hatte er sich gewundert, dass sie in einem eher ärmlichen Viertel wohnte. Aber dann merkte er, dass sie umgeben war von den ältesten antiken Stätten, sowie dem gigantischen Kolosseum und Michelangelos Moses in der nahegelegenen Kirche. Das war eine andere Art von Reichtum.
Etwas beklommen war ihm zumute, als er die dunkle Treppe zum ersten Stock hinaufstieg, doch angenehm kühl war es hier. Kinder spielten und lärmten in der Art, wie Kinder es eben tun. Als die Haushälterin Trina ihm öffnete und er die große Diele betrat, empfand er ein herzliches Willkommen, fühlte sich sofort wie auf einer hellen Insel der Ruhe. Trina führte ihn zur Tür des Salons, klopfte und wartete auf das ‚Herein’.
„Signore Rolland“, sagte sie und die zierliche weißhaarige Frau auf dem Stuhl vor dem Sekretär drehte sich herum, erhob sich und kam mit für ihr fortgeschrittenes Alter sehr leichten Schritten auf ihn zu. Lange hielt sie seine Hände in den ihren und schaute ihn an mit ihren klaren Augen, die mehr als Worte sagten und alle Unsicherheit fortwehten.
„Sie sind ja noch schmaler geworden, junger Freund. Ich fürchte, Sie haben nicht genug gegessen in ihrem Studierzimmer. Soll Trina Ihnen erst einmal ein Sandwich machen?“
„Nein, nein, zu gütig“, sagte Romain eilig.
Sie schickte ihn mit einem Wink zum Kolosseumfenster, wo er seinen gewohnten Platz in der Sofaecke einnahm, und setzte sich ihm gegenüber in ihren Lehnsessel.
„Ich freue mich über Ihren Besuch, umso mehr, als doch meine Abreise nach Bad Ems und anschließend nach Versailles bevorsteht“, begann sie mit ihrer sanften Stimme. „Die Erinnerung an unsere gemeinsamen Unternehmungen hier in Rom und in der Umgebung ist viel zu kostbar, als dass wir uns mit einem Misston voneinander verabschieden sollten.“
Romain atmete auf. Sie hatte Recht. Er sah die Marmorbank am Ende der Eichenallee wieder vor sich, auf der sie gemeinsam gesessen hatten, dachte an den Spaziergang auf der Via Appia. Nicht zu vergessen die Kutschfahrt in die Campagne, Berge, Vulkanseen und wunderbare Natur. Vor allem aber dachte er an Abende wie diesen.
„Die Freude ist ganz meinerseits, verehrtes gnädiges Fräulein. Ich teile Ihre Gedanken über die Kostbarkeit unserer Freundschaft. Doch… Sie haben mir einen Brief geschickt, Ihre verlorene Illusion, Sie wünschen eine Erklärung“
„Weil ich mich um Ihre Zukunft sorgte, mein lieber junger Freund. Sehe ich doch für Ihren Weg die Ideale der Kunst, wir redeten darüber. Sie sind geschaffen für die Musik und die Dichtung.“
Ja, das war seine liebe Freundin, sie glaubte an das in ihm, was ihm das Wichtigste überhaupt war, wichtiger als Erfolg und Geld, seine Zukunft auf dem Gebiet der Kunst. Ihr Vertrauen in seine Schöpferkraft bestärkte ihn im Glauben an sich selbst und gab ihm Kraft, diesen sicherlich beschwerlichen Weg auf einsamen Pfaden allen anderen vorzuziehen.
 „Ich fühlte eine Disharmonie bei unseren Treffen“, fuhr Malwida fort, „dunkle Schatten sah ich in Ihrem Gesicht. Da fürchtete ich, diese Ideale, unsere Ideale, ja, diese Entwicklung Ihrer Begabungen könnte gestört werden.“
Alles, was er jetzt hätte erklären können, hatte er aufgeschrieben. Und dass er sie von ganzem Herzen liebte, konnte er ohnehin besser schreiben als sagen. Er fühlte das Briefkuvert in seiner Jackentasche. Ja, er liebte sie, seine Idealistin, die ihm nur Gutes getan hatte.
Ihr Blick wanderte zum Pianino. Romain verstand sofort. Er erhob sich,  ging ohne weitere Worte zum Schemel, setzte sich und klappte den Deckel auf. Dann fuhren seine Finger über die Tasten, langsam und schnell und füllten die Töne den Raum mit dem Zauber einer wunderbaren Welt aus Melodien.
Lange ließ er das Musikstück in sich ausklingen, dann klappte er den Deckel wieder zu und ging still zurück an seinen Platz.
Jedes Wort würde jetzt den Zauber zerstören. So saßen sie schweigend und jeder hatte seinen eigenen Traum.
Malwida träumte in ihre Vergangenheit, ein langes Leben, ausgefüllt mit allem, was ein Menschenherz bewegen konnte, mit Tragödien, aber auch mit großem Glück und dem unerschütterlichen Glauben an ihre Ideale, die alles Vergängliche überdauern würden.
Romain dagegen träumte von einer neuen Zeit, von einer Zukunft als ungestümer Schöpfer einer musikalischen Dichtung, wie eine Symphonie aus Tönen, einen musikalischen Roman sah er entstehen.

Es war Nacht geworden, als er sich zum Aufbruch bereit machte. Das Briefkuvert legte er der Freundin auf den Tisch, bevor er sich verabschiedete und durch die stillen Straßen der ewigen Stadt den Heimweg antrat. 

Erzählung aus der Sammlung: Wenn wir von Liebe reden


Sonntag, 30. März 2014

Lesung buchen?


Renate Hupfeld liest
coole Geschichten aus
Wenn wir von Liebe reden



und wird musikalisch begleitet
von Rafael Hupfeld 
mit Gitarre und Gesang


Kontakt:

Renate Hupfeld
Bankerheide 2
59065 Hamm
Tel. 02381 - 66 529
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Rafael Hupfeld
Bachstraße 38
51063 Köln
Tel. 0221 - 64 30 99 86
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Montag, 3. Februar 2014

Mister Fitch in Colonia









Wenn wir von Liebe reden ...7
Loser ...9
Er ist grün ...13
Holly und die Second ...17
Destiny ...21
Das weiße Flackern ...24
New York, New York ...27
Mister Fitch ...33
Am Strand ...39
Neues Projekt ...44
Lisa am See ...49
Hammamunga ...55
Tarnhose und Ramazotti ...57
Jans Vater ...60
Markus ...64
Novemberblues ...68
Sandmann ...72
Havanna ...76
Trollbusters ...80
Ruhe gibt es nicht ...84
Sieben ...89
Hexenadvokat  (In einer kleinen Stadt  in der Nähe von Frankfurt am Main - 1597) ...97
Fliegen (In einer württembergischen Reichsstadt um 1770) ...108
Rebellen (Schubart und Schiller  auf der Festung Hohenasperg - 1782) ...114
Provençalische Leichtigkeit (Provencereise – 1844/1845) ...118
Rückreise auf der Route Napoléon (Durancetal und Col Bayard – Mai 1845) ...128
La Grande Chartreuse (Ausflug zum Kartäuserkloster bei Grenoble – Mai 1845)...132 
Predigt auf der Grotenburg (Wanderung zum Hermannsdenkmal bei Detmold – Pfingsten 1846) ...139
Revolution in Berlin (Theodor Althaus in Berlin nach dem 18. März 1848) ...148
Achtundvierziger (Mit der Zeitmaschine aus der Zukunft in das Jahr 1848) ...151 
Malwida und die Märzgefallenen (Malwida von Meysenbug in Berlin – April 1852) ...157
Römischer Frühling (Romain Rolland besucht Malwida von Meysenbug  in Rom – Mai 1890) ...164
Grenzorte (Franz Kafka und Milena Jesenská in Gmünd - August 1920) ...169

Inhalt aus:

Wenn wir von Liebe reden (Taschenbuch (8,90 Euro und Kindle eBook 2,99 Euro)


Fotos:  Renate Hupfeld